Online Coaching für Führungskräfte: Die Krise erfolgreich meistern

17.04.2020 | Dr. Alexander Brungs

Online Coachings für Führungskräfte
Quelle: Pexels.com

Vor wenigen Wochen sprachen wir noch abstrakt von New-Work-Konzepten – aktuell sind wir ganz konkret mit Remote Work in der sogenannten "Corona-Krise" konfrontiert. Der gleichbleibende Kern ist: Wir arbeiten in agilen Strukturen oder virtuellen Teams, sollen immer mehr selbst entscheiden, müssen zunehmend in Kategorien der Digitalisierung denken und haben dabei oft den Eindruck, im Nebel zu navigieren. Viele Führungskräfte sehen sich jetzt quasi über Nacht vor großen Herausforderungen und hegen dementsprechend auch Zweifel an den neuen Umgebungen und Verfahren. Sie sind dafür verantwortlich, dass ihr Team nach wie vor die geforderte Leistung bringt, obwohl es zum Beispiel nicht in der gewohnten, gemeinsamen räumlichen Umgebung arbeitet. Sie befürchten, die Aufgaben und Bedürfnisse ihrer Teammitglieder ohne direkten Kontakt aus dem Blick zu verlieren. Die Situation ist von starker Ungewissheit gekennzeichnet und ruft bislang ungekannte Besorgnisse hervor.

Hier können Coaches zur Orientierung wesentlich beitragen, indem sie mit ihren Coachees aus einer beruhigt-distanzierten Perspektive heraus ein Lagebild skizzieren, das die positiven Aspekte wie auch die spezifischen Herausforderungen von New Work im konkreten Kontext darstellt und Handlungsoptionen aufzeigt.

Bei welchen Herausforderungen können Coaches helfen?

New Work eröffnet allen Beteiligten die Chance, schneller, offener und nachvollziehbarer miteinander zu kommunizieren. Dies kann jedoch nur gelingen, wenn tradierte hierarchische Muster aufgebrochen werden.

Besser als jede andere Entwicklungsmaßnahme kann Coaching – gewissermaßen in Echtzeit – die individuellen Bedarfe aller Mitarbeiter, ob Führungskraft oder Team-Mitglied, bedienen.

Besonders für das Management entstehen hier neue Situationen, die durch Unsicherheit die Produktivität hemmen und Entscheidungen blockieren können: Die Informationsweitergabe erscheint plötzlich unkontrolliert, Arbeitsfortschritte sind nicht mehr in bewährter Manier dokumentiert und die Entscheidungswege unklar. Einzel- oder Team-Coachings helfen, das "Warum" hinter neuen Maßnahmen besser zu verstehen und vor allem aktiv in den eigenen Arbeitsprozessen zu implementieren.

Tätigkeit im Home-Office bietet zahlreiche neue Möglichkeiten selbstbestimmter und verantwortungsvoller Arbeitsgestaltung.

Coaching hilft Führungskräften und anderen Funktionsträgern im Unternehmen, diese Möglichkeiten als Chance zu erkennen, passende Gestaltungsweisen zu finden und zielführend einzusetzen.

Dabei unterstützt ein Coach Führungskräfte getreu dem Motto Hilfe zur Selbsthilfe mit einer metaperspektivischen Betrachtung:

  • Was sind mögliche Optionen?
  • Welche Konsequenzen folgen daraus und wie sähen die Best Case- und Worst Case Szenarien aus?

Durch gezieltes Fragen fördert ein Coach die Selbstreflektion der Coachees und unterstützt so den Prozess der Entscheidungsfindung. Dabei ist Coaching generell in unterschiedlichen Szenarien und Formaten durchführbar – in der aktuellen Situation gibt es aufgrund des erforderlichen Social Distancing zum Online-Coaching allerdings kaum Alternativen.

Ist Online-Coaching das "New-Coaching"?

Ein großer Vorteil von Online-Coaching ist, dass durch die deutlich höhere Flexibilität in räumlicher und zeitlicher Hinsicht "in Echtzeit" auf Ereignisse oder sich ändernde Umstände reagiert werden kann.

Im Prinzip kann solch ein Coaching auch in schriftlicher Form – als Live-Chat oder zeitversetzt über einen Messenger – stattfinden. Spezialisierte Plattformen ermöglichen auch online den Einsatz bewährter Coaching-Werkzeuge wie etwa Aufstellungen mittels Avataren oder bildgestützter Ressourcenaktivierung. Häufig wird Online-Coaching in der weithin bekannten Form eines Video-Gesprächs umgesetzt, wobei aber – ob Messenger-Dienst oder Coaching-Plattform – für seriöse Coaches die Einhaltung datenschutzrechtlicher Vorgaben höchste Priorität hat. Für uns im DCV ist die Beachtung der DSGVO ein absolutes Muss. 

Die erleichterte Zugänglichkeit von Online-Formaten gegenüber dem Präsenzcoaching zeigt sich neben der Art der Interaktion von Coach und Coachee auch an den bearbeiteten Themen:

Vielen Coachees fällt  der Einstieg in sehr persönliche, stark emotionsbesetzte Fragen über die elektronische Distanz leichter als in einer realen Gesprächssituation. Hier kann Online-Coaching geradezu als Türöffner wirken.

Da zwischenmenschliche Kommunikation wesentlich mehr umfasst, als eine bloß virtuelle Interaktion darstellen kann, wird auch im Coaching das Präsenzformat zukünftig relevant bleiben. Online-Coaching, in der aktuellen Situation gefragt wie nie zuvor, sehe ich eher in einer erweiternden und unterstützenden Rolle. Es gibt Themen, für die sich Online-Coaching besonders gut eignet und für die es eine Reihe neuer Werkzeuge bietet. Optimale Wirksamkeit entfalten werden diese aber erst im Verbund mit. Ein reines Online-Coaching wird also nicht zum allgemeinen Standard werden. Die Zukunft liegt vielmehr im hybriden Ansatz des Blended Coaching, der sowohl Präsenz- als auch virtuelle Formate in optimal angepasster Kombination umfasst.

Fazit

Aktive Prozessgestaltung, Vertrauen, Freiheit und eine gute Work-Life-Balance stehen bei Remote Work zu Pandemie-Zeiten im Fokus der Aufmerksamkeit. Damit die Entfaltung dieser Werte für Unternehmen zum Gewinn werden kann, sollte das Bedürfnis von Führungskräften und Mitarbeitern nach einem plausiblen und verlässlichen Orientierungsrahmen für Ziele und Prozesse ins Blickfeld rücken. Nur wenn die neuen Herausforderungen verständlich benannt und umsetzbar auf konkrete Tätigkeitskontexte heruntergebrochen werden, können die positiv gedachten Implikationen von New Work auch in der Praxis das Arbeitsleben erleichtern. Online-Coaching-Formate bieten besonders in der aktuellen Situation gute Möglichkeiten, Schwierigkeiten zu meistern und neue Horizonte zu erschließen. Die hohe Flexibilität in räumlicher und zeitlicher Hinsicht mit der Möglichkeit, nahezu unmittelbar auf Ereignisse reagieren zu können, ist ein entscheidender Vorteil. In Zukunft werden wir vermehrt hybride Formate erleben, bei denen Präsenz- und Online-Coaching-Formate verknüpft werden.

Über den Autoren

Alexander Brungs

Dr. Alexander Brungs ist seit 2010 als Coach tätig und seit vier Jahren Vorstand im Deutschen Coaching Verband e.V. (DCV). Diesen repräsentiert er auch im Dach­verband Roundtable Coaching e.V. (RTC). Nach Studium (Göttingen, Erlangen, Rom) und Promotion war Brungs an mehreren internationalen Forschungs­projekten beteiligt und unterrichtete an verschiedenen Universitäten in Deutschland und der Schweiz im Fach Philosophie. Derzeit ist er auch Projektmitarbeiter an der Professur für Neuere Geschichte (deutsch-jüdische Geschichte) der Universität Potsdam.

Tipps von Dr. Alexander Brungs

Führung aus dem Home-Office heißt vor allem klare, jederzeit nachvollziehbare und adaptierbare Kommunikation. Vereinbaren Sie dazu einen Rahmen, der für alle gilt und an dessen Vorgaben sich alle halten. Machen Sie als Führungskraft deutlich, dass Sie auch in dieser Situation bei Fragen und Problemen jederzeit unterstützend zur Seite stehen. Sollten Sie selbst Unsicherheit verspüren oder sich mit schwer bewältigbaren Problemen konfrontiert sehen: wenden Sie sich an einen zertifizierten Coach, der Ihnen hilfreich zur Seite steht.

Wie finde ich den richtigen Coach?

Da „Coaching“ in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung ist, kann sich jede und jeder Coach nennen. Wie aber kann vom Personalmanagement erkannt werden, ob man es mit einem Blender oder einer seriösen Expertin mit langjähriger Erfahrung zu tun hat? Einschlägige Merkmale der Professionalität von Coaches sind zum Beispiel überprüfbar gültige und aussagekräftige Kompetenznachweise wie ein Zertifikat des Deutschen Coaching Verbands e.V. (DCV), die Verpflichtung auf berufsspezifische Ethikrichtlinien sowie transparente Gestaltung des Coaching-Vertrags im Anschluss an ein hinreichendes Gespräch zur Auftragsklärung.