Arbeitszeugnis: So wichtig ist das Zeugnis heute noch

31.01.2020 | Karolin Gerber

Gespräch zum Arbeitszeugnis
Quelle: Pexels.com

Das Arbeitszeugnis erscheint Arbeitnehmern und Firmen häufig wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, als Karriere ausschließlich auf persönlichen Kontakten basierte. Doch wie wichtig ist Personalern das Arbeitszeugnis heute wirklich noch und worauf müssen Unternehmen bei der Ausstellung achten?

Schlechte Arbeitszeugnisse sind selten. Das liegt vor allem an den rechtlichen Vorschriften, die dem Unternehmen untersagen, dem ehemaligen Mitarbeiter das berufliche Fortkommen willentlich zu erschweren. Unterstellungen, nicht belegbare Performance-Schwächen und Konflikte dürfen also in diesem Zeugnis nicht erscheinen. Dabei ist es egal, ob und wie die relevanten Punkte die Zusammenarbeit erschwert haben. Aber sollten Sie deswegen ein durchgängig positives Arbeitszeugnis voll vermeintlicher „Geheimcodes“ ausstellen?

Positiv oder negativ formulieren im Arbeitszeugnis

Alexandra Vollmer, Managementexpertin bei t3n weist darauf hin, dass es ein objektives Arbeitszeugnis gar nicht geben kann. Darum darf sich in diesem Dokument auch der subjektive Eindruck, den Personaler, Chefs oder Kollegen von dem Mitarbeiter gewonnen haben, zeigen. Im Zweifelsfall muss jedoch durch Zeugen und Zahlen nachweisbar sein, weswegen der Beurteilte im Unternehmen für Probleme gesorgt hat. Ein einfacher Grund für eine schlechte Bewertung wäre beispielsweise eine Kündigung aufgrund von Betrug oder Missbrauch von Firmeninformationen. Eine negative, verschlüsselte Beurteilung wie das beliebte „war stets sehr kontaktfreudig“, also „hat möglicherweise weniger gearbeitet als sich unterhalten“, ist nicht nur subjektiv, sie kann auch zu Unrecht beschlossen worden sein.

Eine zu positive Bewertung erweckt ebenfalls Misstrauen. Kein Standardschreiben mit Satzbausteinen zu formulieren, kann daher ein Garant dafür sein, dass die Bewertung überhaupt gelesen wird. Als Arbeitgeber oder Vorgesetzter sehen Sie Ihre Mitarbeiter nur selten im Arbeitsablauf, darum ist es notwendig, für das Arbeitszeugnis direkte Kollegen des Mitarbeiters zu befragen. Bewerten Sie die positiven Leistungen und abgeschlossenen Projekte und bringen Sie Kritik dort an, wo sie konstruktiv erscheint.

Das Arbeitszeugnis als Bewerbungselement

Arbeitszeugnisse als wichtigen Bestandteil der nächsten Bewerbung zu betrachten, das bereitet vielen Firmen Kopfzerbrechen. Auch so kommen standardisiert positive Bewertungen zustande. Warum dem Mitarbeiter die Chance auf den nächsten Job verbauen? Profis wie Karrierecoach Bernd Slaghuis merken an, dass das Arbeitszeugnis für den Mitarbeiter selbst ein wichtiges Dokument darstellen kann, an dem er die eigene Leistung misst. Er fühlt sich wertgeschätzt und kann Anmerkungen aus dem Zeugnis auf der nächsten Stelle umsetzen.

"Headhunter und Personaler größerer Unternehmen interessieren sich für das Arbeitszeugnis immer seltener, sehen es sich aber in der Bewerbungsmappe oder dem digitalen Stapel der Bewerbungsdokumente mit an."

Ein Zeugnis kann auch heute noch zum Aufhänger des Bewerbungsgesprächs werden, vor allem wenn es inhaltlich aus der Masse heraussticht. Qualifikationen, Referenzen und ein kompetentes Auftreten zählen in den meisten Positionen mehr als eine subjektive Einschätzung.

Einheitliche Formatierung des Arbeitszeugnisses

Während die Frage nach dem Sinn und Unsinn und der Inhalte des Zeugnisses immer auch Ansichtssache ist und jeder Personaler eigene Prioritäten hat, ist eines besonders wichtig: Die Form. Mehrere Angestellte müssen sich mit der Arbeitsleistung beschäftigen, um einen Spiegel der Aufgabenbereiche und Performance des Mitarbeiters zu erhalten. Ein geregelter Ablauf nach Checkliste von Haufe speziell für diese Aufgabe spart Zeit. Geht ein Mitarbeiter, sollten Sie das Arbeitszeugnis direkt bei der Verabschiedung übergeben können. Der Prozess zur Beurteilung startet also idealerweise bei Bekanntwerden der Kündigung.

Zusätzlich zu einer geregelten Kette der Bearbeitung müssen Form und Aufbau des Arbeitszeugnisses so vereinheitlicht sein, dass HR-Mitarbeiter fremder Unternehmen auf den ersten Blick alle Informationen erfassen. Ein übersichtliches Layout und kurze Formulierungen sorgen dafür, dass die Zeugnisse auch auf einen Klick übersetzt werden können. Natürlich sollten Sie dem Mitarbeiter das Dokument dazu auch digital bereitstellen. Auch in Deutschland wird die digitale Bewerbung über Eingabemasken immer öfter genutzt. Sollten sich Fragen rund um die Authentizität des Dokumentes ergeben, wenden sich Unternehmen in aller Regel kurz und knapp an den Beurteilenden.

 

Grafik zu Ablauf der Erstellung eines Arbeitszeugnisses
Quelle: Haufe

Hat das Arbeitszeugnis eine Zukunft?

Schon heute bilden sich Firmen gern eine eigene Meinung durch Probearbeitszeiten, Praktika und Volontariate. Immer häufiger sind sie bereit, diesen Zeitraum auch bereits zu entlohnen und die Zusammenarbeit zu analysieren. Der Schritt hin zur ehrlichen Beurteilung, die vor allem dem Arbeitnehmer hilft, ist dennoch vor allem in diesem Zusammenhang sinnvoll.

"Eine ehrliche Bewertung der Arbeitsleistung ist Anerkennung und Starthilfe in den neuen Job. Diese Zeit sollten Sie sich als Arbeitgeber nehmen."

Über die Autorin

Karolin Gerber hat im Jahr im Jahr 2014 ihren Master of Science in Management & Marketing an der Freier Universität in Berlin erlangt. Nach ihrer Arbeit im Personalmanagement, wo sie viele praktische Erfahrung sammeln konnte, wollte Sie auch Ihre weitere Leidenschaft nachgehen: Schreiben. Heute ist Karolin Gerber freiberuflich als Autorin tätig und schreibt gerne über HR- & Personalthemen.