Vom Recruiting zur Unternehmenskultur

Wolf Reiner Kriegler | 19.10.2023 | Lesezeit 4 Minuten

Ein Unternehmen feiert fröhlich einen Kollegen, der auf einem Stuhl sitzt
Quelle: Adobe Stock

Das Wichtigste in Kürze

Recruiting hat sich von einer einfachen Personalbeschaffung zu einem komplexen Prozess entwickelt, der die Unternehmenskultur maßgeblich beeinflusst. Es ist nicht nur dafür verantwortlich, neue Talente zu gewinnen, sondern auch ein Seismograf, der die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes erkennt und die Unternehmenskultur reflektiert, um Anpassungen vorzunehmen. Recruiting ist somit ein entscheidender Kulturvermittler, der auf Klarheit, Transparenz und Authentizität in der Ansprache der Zielgruppen angewiesen ist, um die Unternehmenskultur zu gestalten und zu fördern.

Wir stellen ein!

Dieser Satz war einmal eine Ansage und ein Versprechen. In einer Welt der Unsicherheit konnte ein Unternehmen etwas versprechen, das ungeheuer viel Wert war: Eine sichere Arbeit. Die Ansage lag im „Wir“. Das Unternehmen entschied, wer kommen darf. Die wenigen glücklichen Menschen wurden – fast wie bei einer Lotterie – „ausgewählt“ aus einer Heerschaar von Kandidaten (ehrlich, manche sagen das heute noch). Recruiting war entsprechend eine Hilfsfunktion. Ich kann mich erinnern; als ich BWL studierte, hieß das in den Lehrbüchern noch „Personalbeschaffung“. Man kaufte Menschen ein wie Schrauben oder Toilettenpapier. Die einzelnen Abteilungen „bestellten“ Leute, Personal „lieferte“.

Als es mit der Beschaffung enger wurde, musste man ein wenig mehr versprechen. Man machte also Personalwerbung. Man entdeckte das Internet, die sozialen Medien die große Welt der bunten Bilder. Doch es wurde noch enger. Recruiting, mittlerweile auch eine Funktion, die so hieß, musste sich mehr anstrengen. Man bekam mehr Geld, wurde wichtiger. Und man begann, von Arbeitgeberattraktivität und Employer Branding zu sprechen. Irgendwann zu dieser Zeit fingen Leute wie ich an, über Kultur zu reden. Heute kann ich es sagen: Ich wurde oft ausgelacht und zum Exoten erklärt, der sinnige Ideen hat. Ich konnte umgekehrt vielleicht nicht immer gut erklären, was dieses Ding namens Kultur eigentlich sein soll. Schwamm drüber, die Zeiten ändern sich, alle dürfen immer dazulernen.

Ist Recruiting auf dem absteigenden Ast?

Nicht mehr wichtig, wenn es um Unternehmenskultur geht? Das Gegenteil ist der Fall. So wie Recruiting nicht ohne gute Unternehmenskultur funktioniert, gibt es keine solche ohne ein gutes Recruiting. Denn die Kultur eines Unternehmens wird auch durch diejenigen gestaltet, die hinzukommen. Sie sollen das Unternehmen schließlich verändern, verbessern, weiterbringen. Recruiting ist dabei manchmal auch ein Balance-Akt. Diejenigen finden, die gut genug passen, um sich zu integrieren und die zugleich unterschiedlich genug sind, um die Kultur zu entwickeln. Diversity und Inclusion, Kontinuität und Veränderung, Sie wissen schon…
 

In aller Kürze: Was ist die Rolle von Recruiting?

In der Tat kann Recruiting das sein, was es von Anfang an war: Die zuständige Funktion dafür, dem Unternehmen neue Leute zuzuführen. Nur die Mechanismen sind andere, intelligentere geworden. Recruiting muss Seismograf sein, der Stimmungen und Bedürfnisse des Arbeitsmarktes aufnimmt, und der eigenen Kultur zurückspiegelt, wo Anpassungsbedarf liegt. Und Recruiting muss der Google Translator zwischen der Innenwelt des Unternehmens und der Außenwelt sein und Verständnis und Verständigung herstellen - Kulturvermittler. Beides funktioniert nur, wenn man in der Selbst-Analyse kritisch und unvoreingenommen ist, und in der Zielgruppenansprache klar, transparent und authentisch.

In der Praxis ist das weniger schwierig, als es oft scheint. Man muss nur den Mut haben, sich zur eigenen Unternehmenskultur zu bekennen, die Stärken auszuspielen und sich nicht vom Gerede anderer irritieren lassen. Also, liebe Recruiter*innen: Macht was aus Eurer Kultur und gestaltet sie mit!
 

FAQS

Wie hat sich Recruiting im Laufe der Zeit entwickelt?

Ursprünglich war Recruiting eine Personalbeschaffung, die Menschen wie Ressourcen behandelte. Später wandelte es sich in Personalwerbung und erweiterte seine Mechanismen, wobei die Betonung auf Unternehmenskultur, Arbeitgeberattraktivität und Employer Branding lag. Heutzutage ist Recruiting eine Schlüsselfunktion, die sich an die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt anpassen muss.

 Warum ist die Rolle des Recruitings in Bezug auf die Unternehmenskultur so wichtig?

Die Unternehmenskultur wird maßgeblich durch die Personen geprägt, die in das Unternehmen aufgenommen werden. Recruiting ist entscheidend, um die richtigen Kandidaten zu finden, die sich nahtlos in die bestehende Kultur integrieren können, aber gleichzeitig vielfältig genug sind, um die Kultur weiterzuentwickeln. Eine erfolgreiche Unternehmenskultur erfordert daher ein ausgewogenes Recruiting.

Welche Rolle spielt Recruiting bei der Entwicklung und Pflege der Unternehmenskultur?

Recruiting fungiert als Kulturvermittler, der die Innenwelt des Unternehmens mit der Außenwelt verbindet. Es ist dafür verantwortlich, Stimmungen und Bedürfnisse des Arbeitsmarktes aufzunehmen, diese Informationen in die Unternehmenskultur zu integrieren und klare, transparente und authentische Botschaften an die Zielgruppen zu vermitteln. Durch die ehrliche Selbst-Analyse und eine klare Zielgruppenansprache kann Recruiting die Unternehmenskultur aktiv gestalten und fördern.

Über den Autor

Portrait von Wolf Reiner Kriegler

Wolf Reiner Kriegler

ist der Kurator des Programmbereichs „Employer Brand Area“ auf der ZPE23. Als Gründer und Geschäftsführer der Deutschen Employer Branding Akademie (DEBA) ist er der Pionier der Arbeitgebermarkenbildung in Deutschland. Sein 2022 neu aufgelegtes „Praxis-Handbuch Employer Branding“ (Haufe) ist das meistgelesene Werk der Branche in Deutschland.