Gesunde Arbeit ist Chefsache – warum Organisationen Gesundheit nicht delegieren dürfen

Jurek Mähler | 07.03.2026

Quelle: Zukunft Personal

In Gesprächen mit Geschäftsführer:innen und HR-Leitungen geht es häufig um Wachstum, Effizienz und Transformation. Gesundheit ist dabei fast immer Thema. Allerdings selten als strategischer Faktor. Meist wird sie organisatorisch verortet: bei HR, im Betrieblichen Gesundheitsmanagement oder im Arbeitsschutz.

Genau hier beginnt das Missverständnis.

Gesunde Arbeit ist kein Begleitprojekt zur Strategie. Sie ist eine Führungsentscheidung. Denn Leistungsfähigkeit entsteht nicht isoliert im Individuum, sondern im Zusammenspiel von Arbeitsorganisation, Führung und Kultur. Wer Gesundheit als nachgelagerte Aufgabe behandelt, riskiert genau das, was er eigentlich vermeiden will: sinkende Leistungsfähigkeit, steigende Fehlzeiten, innere Kündigungen.

In meiner Arbeit sehe ich immer wieder, dass Erschöpfung nicht plötzlich entsteht. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen: Arbeitsverdichtung ohne klare Priorisierung, widersprüchliche Erwartungen, dauerhafte Erreichbarkeit, fehlende Erholungsräume. Menschen funktionieren lange in solchen Systemen – bis sie es nicht mehr tun. Das ist kein individuelles Versagen, sondern ein organisationales Muster.

Problematisch wird es, wenn Gesundheit delegiert wird. Delegation ist sinnvoll, wenn es um Umsetzung geht. Sie ist fatal, wenn sie Verantwortung ersetzt. Sobald Gesundheit „abgegeben“ wird, verliert sie an Verbindlichkeit. Dann ist sie wichtig, aber nicht entscheidend. Sie konkurriert mit Zielzahlen, Terminen und Marktanforderungen. Und verliert im Zweifel.

Ich erlebe engagierte HR-Teams, starke Fachkräfte im Arbeitsschutz und im Betrieblichen Gesundheitsmanagement, die sehr genau wissen, wo Belastungen entstehen. Was ihnen häufig fehlt, ist nicht Kompetenz, sondern das Mandat. Gesundheit wird analysiert, dokumentiert und kommuniziert – aber nicht konsequent gesteuert. Das ist kein Rollenversagen, sondern ein Governance-Problem.

Ein besonders deutliches Symptom zeigt sich bei Fehlzeiten. Wenn sie steigen, wird schnell nach individuellen Ursachen gesucht: Belastbarkeit, Resilienz, Motivation. Doch Fehlzeiten sind selten ein HR-Thema und fast nie ein individuelles Problem. Sie sind ein Signal der Organisation. Sie zeigen, wo Arbeit aus dem Gleichgewicht geraten ist – strukturell, kulturell oder führungsseitig.

Wer Fehlzeiten nur misst, aber nicht interpretiert, verschenkt ein wichtiges Steuerungsinstrument. Entscheidend ist nicht die Quote, sondern die Frage: Was erzeugt diese Abwesenheit? Welche Arbeitsbedingungen, welche Führungspraktiken, welche Zielkonflikte wirken hier dauerhaft? Erst wenn diese Fragen gestellt werden, wird aus Statistik Gestaltung.

Noch deutlicher wird dieses Missverständnis beim Thema Präsentismus. Menschen kommen krank zur Arbeit, weil sie ihr Team nicht belasten wollen, weil Ausfall organisatorisch nicht vorgesehen ist oder weil Führung nicht klar reagiert. Präsentismus wird dann als Engagement fehlinterpretiert. Tatsächlich ist er eines der deutlichsten Warnsignale für Überforderung. Kurzfristig mag das System stabil erscheinen. Langfristig steigt das Risiko für chronische Erkrankungen, Leistungseinbrüche und Ausfälle.

Organisationen senden hier sehr klare Signale – bewusst oder unbewusst. Wird Krankheit akzeptiert oder still sanktioniert? Wird Erholung ermöglicht oder moralisch unterlaufen? Diese Signale wirken stärker als jede Gesundheitskampagne. Präsentismus ist keine individuelle Entscheidung. Er ist eine Führungs- und Organisationsfrage.

In diesem Zusammenhang wird häufig Resilienz ins Feld geführt. Resilienz ist wichtig. Sie wird jedoch problematisch, wenn sie als Antwort auf strukturelle Defizite dient. Wenn Menschen lernen sollen, immer mehr auszuhalten, statt dass Belastung reduziert wird, wird Anpassung belohnt und Verantwortung verschoben. Gesunde Arbeit entsteht nicht durch „stärkere“ Menschen, sondern durch bessere Bedingungen. Resilienz kann unterstützen, sie kann keine schlechte Organisation kompensieren.
Was folgt daraus für Führung und Management?

Gesunde Arbeit ist kein Projekt, das man starten und abschließen kann. Sie ist eine Haltung, die sich in Entscheidungen zeigt: bei Arbeitsorganisation, Priorisierung, Führung und Kultur. Sie braucht klare Verantwortlichkeit auf oberster Ebene und eine konsequente operative Umsetzung in HR, Arbeitsschutz und Prävention.

Gesundheit ist damit kein Nice-to-have. Sie ist eine Vorausetzung für nachhaltige Leistung. Und genau deshalb bleibt gesunde Arbeit Chefsache – nicht aus Fürsorge, sondern aus Verantwortung.
 

Über den Autor

Portrait von Jurek Mähler

Jurek Mähler

Jurek ist Visionär, Macher und Optimist mit dem Willen, die Arbeitswelt getreu nach dem Motto „Arbeitszeit ist Lebenszeit“ positiv mitzugestalten. Ob als Clusterleiter bei BG prevent, Botschafter für Gesundheitsmanagement oder Beiratsmitglied der Zukunft Personal - In seinen unterschiedlichen Rollen schlägt er die Brücke zwischen Gesundheit, Organisationsentwicklung und New Work und zeigt auf, wie jedes Unternehmen aktiv zum Wohlbefinden der Mitarbeiter beitragen kann.