Ihr L&D-Profis wisst längst, was wirkt. Jetzt braucht Leadership Development Rückendeckung
Max Braunleder | 09.07.2026
Warum die KI-Transformation die Stunde von L&D ist, und warum ihr dabei Verbündete braucht.
Wir haben in den letzten acht Jahren mit vielen L&D- und People-Teams zusammengearbeitet. Über 5.000 Führungskräfte haben wir in der TAM gemeinsam mit ihnen entwickelt. In Großkonzernen und Startups, Mittelstand und Hyperscales. Was mir dabei am häufigsten begegnet ist, hat wenig mit fehlendem Wissen zu tun. Im Gegenteil.
Die meisten People-Profis wissen ziemlich genau, was Menschen wirklich entwickelt. Sie spüren, dass ein 2-Tages-Seminar wenig verändert. Sie wissen, dass der nächste Lernsnack auf dem Smartphone aus niemandem eine Führungskraft macht. Das Problem ist selten das Wissen.
Das Problem ist, dass dieses Wissen gerade gegen eine Wand aus Erwartungen läuft.
Und mit KI wird diese Wand höher.
Das echte Problem
Der Sozialpsychologe Alex Haslam und seine Kolleg:innen haben 2024 einen treffenden Begriff geprägt: Zombie Leadership. Ideen über Führung, die längst widerlegt sind, sich aber nicht totkriegen lassen. Sie überleben, weil sie schmeicheln und weil sie sich gut verkaufen.
Das Tückische daran: Diese Zombie-Leaders sind selten eure Idee als People-Profis. Sie werden euch angetragen. Von einem Markt, der sie verkauft. Von einer Geschäftsführung, die sich Skalierung wünscht. Von einem Zeitgeist, der alles schneller will.
Zwei Ideen sind hier besonders problematisch:
Die eine Idee sagt: Führung ist Talent. Man hat es oder eben nicht. Also gilt es, die Begabten zu finden und zu befördern. Die andere Idee sagt: Führung lässt sich in jeden hineintrainieren, am besten per App, personalisiert, rund um die Uhr.
So unterschiedlich beide klingen, sie haben denselben blinden Fleck. Beide behandeln Führung als Sache der einzelnen Person, mal als angeborene, mal als antrainierte. Und beide übersehen, worauf es eigentlich ankommt: ein gemeinsames Verständnis davon, wie in einer Organisation geführt wird.
Die Zombies bekommen gerade Verstärkung
Bis hierhin ist das ein altes Problem. Neu ist, was jetzt dazukommt.
KI macht es zum ersten Mal billig, diesen Einzelfokus in großem Stil zu betreiben. Ein personalisierter Coach für jeden. Ein eigener Lernpfad pro Kopf. Ein Dashboard, das Abschlussquoten und Nutzungsminuten zählt. Das klingt nach Fortschritt, und genau das macht es gefährlich. Im Kern bleibt jede Führungskraft eine Insel, nur schneller und mit besserem Interface.
KI ist kein neutrales Werkzeug. Sie verstärkt das, was man ihr gibt. Bekommt sie die alten Ideen, skaliert sie die alten Ideen. Ihr seht das kommen, oft als Einzige im Raum. Und genau deshalb steht ihr unter Druck: Ihr sollt etwas ausrollen, von dem ihr wisst, dass es das eigentliche Problem nicht löst.
Führung ist ein Handwerk
Was wirkt stattdessen? Die ehrliche Antwort lässt sich schlecht in eine App packen. Was Leistung, Engagement und Zufriedenheit in ein Team bringt, ist kein Bündel einzeln optimierter Talente. Es ist ein gemeinsames Führungsverständnis. Eine Kultur, in der klar ist, wie hier geführt wird, und in der Führungskräfte dieselbe Sprache sprechen.
Genau dafür haben wir bei der TAM über die Jahre keinen Tipp-Katalog gebaut, sondern ein System. Wir denken Führung in vier Ebenen und vier Dimensionen.
Die vier Ebenen beschreiben die Reichweite:
Sich selbst führen. Einzelne Menschen führen. Teams führen. Organisationen führen.
Schon hier löst sich der einsame Held auf. Spätestens auf der Teamebene geht es um die Dynamik zwischen Menschen und um ein gemeinsames Wir, und auf der Organisationsebene um genau jene Führungskultur, die kein Einzelcoaching erzeugt.
Die vier Dimensionen beschreiben die Substanz:
Haltung, Wissen, Kompetenzen, Tools.
Hier wird die KI-Frage plötzlich sehr konkret. Wissen liefert ein Algorithmus bald besser und günstiger als jede Abteilung. Kompetenzen und Tools kann man üben, (etwa die vier Verhaltensweisen der transformationalen Führung: als Vorbild handeln, Menschen begeistern, ihr Denken herausfordern, sie als Einzelne ernst nehmen.) Niemand wird damit geboren. Das ist die gute Nachricht, denn es heißt: Führung ist lernbar.
Was eine Software dagegen nicht liefert, ist Haltung. Die wächst in echten Situationen, mit echten Menschen, über Zeit. Eine Führungskraft, die alle Tools kennt und keine Haltung hat, merkt jedes Team innerhalb einer Woche.
Was ihr aus unseren Erkenntnissen lernen könnt
Ein System ist nur so gut wie die Art, wie man es entwickelt. Und da wird es unbequem für die Effizienzlogik.
Wir bei der TAM machen das so (und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht)
wir holen Menschen zuerst aus ihrem Arbeitsalltag heraus. Nicht als Belohnung, sondern weil Entwicklung einen Raum braucht, in dem das Telefon nicht ständig zieht und der nächste Call nicht schon wartet.
Wir bauen vom ersten Tag an psychologische Sicherheit auf. Nicht, weil das nett ist, sondern damit Führungskräfte sofort miteinander ins Sparring gehen können. Echte Fälle, ehrliches Feedback unter Gleichen, statt Folien von vorne. Das ist der Moment, in dem aus Input echtes Lernen wird.
Wir laden Trainings bewusst emotional auf, weil Emotionen verankern. Was Menschen nur hören, ist schnell wieder weg. Was sie erleben, bleibt. Genau das sichert den Transfer in den Alltag, an dem die meisten Programme scheitern.
Und wir entwickeln stärkenorientiert. Wir sagen den Führungskräften nicht, wie doof sie in der Vergangenheit waren und wie sie es jetzt besser machen sollen. Wir bauen auf dem auf, was jemand schon gut kann. Menschen werden nicht dadurch zu besseren Führungskräften, dass man ihnen ständig zeigt, was ihnen fehlt. Sie werden besser, wenn sie das Gefühl bekommen, einen guten Job machen zu können, und dann daran wachsen.
Dass das wirkt, ist sogar wissenschaftlich belegt. Christina Lacerenza hat 2017 die größte Auswertung von Führungstrainings veröffentlicht, 335 Studien aus über hundert Jahren. Das Ergebnis: Führungsentwicklung wirkt stark, aber nur unter vier Bedingungen:
- Verteilt über Monate statt in ein Wochenende gepresst.
- In echten Räumen statt nur am Bildschirm.
- Begleitet von Menschen statt allein in der Inbox.
- Geübt an echten Situationen statt als Konzept erklärt.
Das ist eure Munition für das nächste Gespräch mit der Geschäftsführung, wenn dort die nächste Plattform als Allheilmittel auf dem Tisch liegt.
Warum das eure Stunde ist
Genau hier dreht sich gerade etwas zu euren Gunsten, auch wenn es sich noch nicht so anfühlt.
Wenn reines Wissen billig wird, verliert es an Wert. Was knapp wird, wird teuer. Und knapp wird genau das, was Algorithmen nicht leisten. Aufmerksamkeit, die nicht zerstreut ist. Reflexion, die Zeit hatte. Reibung mit Menschen, die widersprechen. Vertrauen, das über Monate gewachsen ist. Das ist euer Revier.
Damit gehört L&D ins Zentrum der KI-Transformation. Die Zahlen zeigen, wie viel davon abhängt. Vier von zehn Führungskräften wollen ihre Rolle abgeben, so der DDI Global Leadership Forecast 2025. Es fehlt nicht an Tools. Es fehlt an Menschen, die unter diesen Bedingungen noch führen wollen. Diese Lücke schließt keine App, sondern gute Entwicklung. Eure Arbeit.
Sucht euch Verbündete
Das Schwierige an dieser Rolle ist nicht das Konzept. Es ist, sie gegen den Strom zu behaupten. Oft als kleines Team, mit knappem Budget, gegen lautere Versprechen.
Deshalb der wichtigste Gedanke zum Schluss, und der ist ehrlicher gemeint als jeder Pitch. Ihr müsst das nicht mit uns machen. Aber sucht euch einen Partner, der euch versteht. Einen, der weiß, dass Entwicklung Zeit braucht. Der nicht das nächste Tool verkauft, sondern mit euch ein Führungssystem baut. Und der euch den Rücken stärkt, wenn intern wieder nach der Abkürzung gerufen wird.
Eine neue Führungskraft zu besetzen kostet bis zu einem Jahresgehalt, wenn man alle Faktoren eingerechnet.
Eine Führungskraft aber um 10% mehr Haltung, Wissen, Kompetenzen und Tools zu geben, die wirklich einen Impact auf Team und Organisation haben, kostet meist nur einen Bruchteil davon.
Ihr seid also nicht das Problem dieser Transformation. Ihr seid die Antwort darauf. Ihr solltet sie nur nicht allein geben müssen.
Über den Autor
Max Braunleder
Max Braunleder ist Wirtschaftspsychologe und Founding Partner bei der TAM Akademie in Berlin, einer der größten Weiterbildungsakademien im Bereich Führungskräfteentwicklung & New Work in Deutschland.