Mein neues Teammitglied schläft nie. Entscheiden darf es trotzdem nicht – noch nicht

Joachim Rotzinger | 03.09.2026

Quelle: Zukunft Personal

Morgens arbeite ich mit meinem JoGPT an meiner CEJoe-Kommunikation, parallel sondieren Claude-Agenten ein M&A-Target, Microsoft Copilot unterstützt meinen Office-Alltag – und abends visualisiert Nano Banana Ideen für meine kleine Schwarzwaldhütte. Ein gut ausgestatteter KI-Zoo? Eher mein persönliches Betriebssystem für Führung.

Ich bin Joachim und CEO des Softwareanbieters Ingentis. Wir helfen Unternehmen, ihre Organisation und ihre Workforce zu verstehen, zu gestalten und leistungsfähiger zu machen. Mein Alltag reicht von Strategie und People bis zu internationaler Expansion und M&A. Knapp ist dabei nicht Information, sondern die Fähigkeit, Relevantes zu erkennen und gute Entscheidungen vorzubereiten.

Genau hier beginnt mein „TEAM HUMAN × AI“. Für mich ist das kein Technologieexperiment. Es ist ein Baustein auf dem Weg zu mehr Organizational Performance.

Vom Chatfenster zum Führungssystem

Ich nutze KI nicht als bessere Suchmaschine und auch nicht nur, um Texte schneller zu schreiben. Ich organisiere Aufgaben bewusst nach den Stärken verschiedener Systeme.

Mein personalisiertes JoGPT ist mein täglicher Sparringspartner und Kommunikationsassistent. Es verdichtet Unterlagen, bereitet kritische Fragen vor und entwickelt aus Ideen präzise Standpunkte. Der Wert entsteht durch jahrelanges Lernen in meinem ganz persönlichen Ingentis-CEO-Kontext. Und im Dialog: widersprechen, schärfen, Perspektiven wechseln und gemeinsam lernen und uns kontinuierlich weiterentwickeln.

Für klar abgegrenzte Projekte setze ich spezialisierte Agenten ein. Sie sondieren Märkte, analysieren Wettbewerber oder bereiten M&A-Cases vor: Einer recherchiert, ein zweiter prüft die kommerzielle Logik, ein dritter sucht nach Risiken und blinden Flecken. Aus einem linearen Prozess wird ein virtuelles Projektteam. Es liefert keine fertige Entscheidung, aber eine deutlich bessere Grundlage.

Microsoft Copilot bindet KI in meinen Office-Alltag und perspektivisch in den von rund 180 Kolleginnen und Kollegen ein. Entscheidend ist dabei nicht der Zugang, sondern wie wir Routinen verändern, damit Nutzen entsteht.

Und ja: Für private Bildideen oder Bauprojekte darf KI auch kreativ werden. Wer spielerisch experimentiert, verliert Berührungsängste und entdeckt in der Folge auch schneller, was beruflich möglich ist.

Der konkrete Impact: mehr Tiefe, nicht nur mehr Tempo

Ein Beispiel: Vor einer Markt- oder Beteiligungsentscheidung mussten früher zahlreiche Dokumente gelesen, Wettbewerber verglichen und Annahmen geordnet werden. Heute erledigen KI-Agenten Teile dieser Vorarbeit parallel. Ich kann deutlich früher dort einsteigen, wo Führung wirklich beginnt: Welche Annahme trägt den Case? Wo reden wir uns etwas schön? Was bedeutet die Entscheidung für Kunden, Mitarbeitende und Investoren?

Der Zeitgewinn ist erheblich. Wichtiger ist der Qualitätsgewinn. KI kann in Minuten Positionen und Gegenpositionen formulieren, Muster sichtbar machen und unangenehme Fragen stellen. So wird aus Automatisierung echte Augmentation: Der Mensch wird nicht aus der Schleife genommen, sondern kommt früher zu der Arbeit, für die Urteilskraft, Erfahrung und Verantwortung gebraucht werden.

Auch Botschaften kann ich früh aus verschiedenen Perspektiven testen: Verstehen sie Mitarbeitende ohne Projektkontext? Sind sie für Kunden relevant? Halten sie kritischen Investorenfragen stand? KI ersetzt weder Empathie noch Haltung. Aber sie ist ein erstaunlich geduldiger Spiegel.

Zwei Learnings

Erstens: KI ist ein leistungsfähiger Praktikant mit enzyklopädischem Wissen, großer Arbeitsmoral und gelegentlich beeindruckendem Selbstbewusstsein bei völliger Ahnungslosigkeit. Wer Ergebnisse nicht prüft, delegiert Verantwortung. Das darf nicht passieren.

Zweitens: Mein digitales Team schläft nie – ich sollte es trotzdem tun. Nur weil Agenten nachts arbeiten, muss der CEO nicht um 2:17 Uhr den fünften Zwischenbericht kommentieren. Human-zentrierte KI heißt auch, neue Geschwindigkeit nicht sofort mit mehr Betriebsamkeit aufzufüllen.

Wo ich noch zweifle

Nicht jede Beschleunigung ist Fortschritt. KI kann Mittelmaß auch einfach schneller produzieren, Vorurteile übernehmen und Scheinsicherheit erzeugen. Besonders in HR gilt: Je stärker eine Entscheidung Menschen betrifft, desto höher müssen Transparenz, Datenqualität, Erklärbarkeit und menschliche Verantwortung sein.

Meine größte Sorge ist weniger die Technologie als unsere Bequemlichkeit. Wer KI nur zur Effizienzsteigerung einsetzt, automatisiert womöglich überholte Prozesse. Wer nur fertige Antworten konsumiert, verliert Urteilskraft. Wir brauchen keine Prompt-Elite, sondern Organisationen, die Neugier, kritisches Denken und verantwortliches Experimentieren fördern.

Die nächste Stufe: Organizational Performance im Team

Bei Ingentis interessiert uns, wie Organisationen leistungsfähiger werden, wenn Menschen und digitale Agenten zusammenarbeiten. Klassische Organigramme reichen dann nicht mehr. Unternehmen müssen verstehen, wer welche Arbeit erledigt, wo Entscheidungen liegen, welche Skills fehlen und wie Produktivität entsteht, ohne Menschlichkeit zu verlieren.

HR hat dabei die Chance auf den Driver Seat – nicht als Verwalter einer Technologie, sondern als Architekt der neuen Arbeit. Dafür braucht es experimentierfreudige Führung, klare Leitplanken für Daten und Verantwortung sowie messbare Use Cases. Nicht die Zahl der Lizenzen zählt, sondern bessere Entscheidungen, schnellere Lernzyklen und eine leistungsfähigere Organisation.

Mein Call to Action: Wartet nicht auf die perfekte KI-Strategie. Nehmt in den nächsten sieben Tagen einen relevanten Arbeitsprozess. Bildet ein Team aus Fachleuten und KI. Definiert Nutzen, Grenzen und einen menschlichen Verantwortlichen. Testet, messt, lernt – und teilt auch, was nicht funktioniert hat.

Und bring diesen Prozess mit zum Ingentis-Stand auf der Zukunft Personal Europe (K.61, Halle 4.2). Dann sprechen wir nicht abstrakt über KI, sondern konkret darüber, wie aus deinem „TEAM HUMAN × AI“ bessere Entscheidungen und Organizational Performance werden.

Die Zukunft der Arbeit entsteht nicht im Wettbewerb Mensch gegen Maschine. Sie entsteht dort, wo Menschen die Richtung vorgeben und KI ihre Möglichkeiten erweitert. Smarter mit Menschen, menschlicher mit KI – machen wir aus dem Motto jetzt Arbeitspraxis.

Über den Autor

Joachim Rotzinger

CEO von Ingentis, führender Softwareanbieter im Bereich People Analytics und Org Design mit dem Schwerpunkt zukunftsfeste Organisationen. Organisationen so gestalten, dass sie nicht nur robust, sondern auch anpassungsfähig sind und darüber hinaus für die dort beschäftigten Menschen eine gute berufliche Perspektive bieten: In dieser Mission war ich bereits 20 Jahre lang für die Haufe Group tätig, bevor ich im März 2022 als CEO zu Ingentis wechselte, einem führenden Anbieter von Lösungen für People Analytics und Organisationsdesign.