Kontext ist King: Warum ich mit meiner KI erst rede, bevor ich sie arbeiten lasse
Robert von Heeren | 19.02.2026
Vom Prompting zum Partnering: Wie wir KI nicht nur für Effizienz, sondern für echte Reflexion nutzen.
Künstliche Intelligenz ist in vielen Unternehmen längst Teil der täglichen Infrastruktur geworden – vergleichbar mit Strom oder dem Internetzugang. Doch bei der Integration in den Arbeitsalltag beobachten wir oft ein fundamentales Missverständnis: Die Technologie wird primär als „Turbo-Taste“ für operative Fleißarbeit eingesetzt. Texte kürzen, E-Mails vorformulieren, Daten matchen – das ist zweifellos nützlich für die Effizienz, aber es kratzt nur an der Oberfläche dessen, was moderne Sprachmodelle leisten können.
Der eigentliche Paradigmenwechsel findet statt, wenn wir die KI nicht mehr nur als abarbeitendes Werkzeug, sondern als strategischen „Mit-Denker“ begreifen. In meiner täglichen Arbeit als Curriculum-Entwickler und Analyst für digitale Berufsbilder hat sich mein Umgang mit KI radikal gewandelt: Bevor das System auch nur eine einzige Zeile Code schreibt oder ein Konzept finalisiert, findet oft ein intensiver, stundenlanger Dialog statt.
Warum dieser Aufwand? Weil wahre Intelligenz – ob menschlich oder künstlich – Kontext benötigt, um Exzellenz zu liefern. Wir würden einem neuen, hochqualifizierten Mitarbeiter am ersten Arbeitstag auch nicht wortlos einen Stapel Akten auf den Tisch legen und sofortige, perfekte strategische Entscheidungen erwarten. Wir würden ihn „onboarden“, ihn in die Vision einweihen, die Hintergründe erklären und die leisen Nuancen der Unternehmenskultur vermitteln.
Genau hier liegt die oft ungenutzte Kraft der Mensch-Maschine-Kollaboration: Wer KI nur mit knappen Befehlen (Prompts) füttert, erhält statistische Standard-Antworten. Wer aber bereit ist, Zeit in den Kontext zu investieren und die KI zum Sparringspartner zu machen, erhält etwas viel Wertvolleres als reine Zeitersparnis: einen echten Perspektivwechsel und eine Reflexionstiefe, die weit über das bloße Abarbeiten von Aufgaben hinausgeht.
Die Methode: „Gedanken-Streaming“ und das Elefanten-Gedächtnis
Um diese Tiefe zu erreichen, habe ich meine Arbeitsweise technisch und methodisch umgestellt. Der erste Schritt war trivial, aber wirkungsvoll: Ich tippe kaum noch. Beim Tippen tendieren wir dazu, unsere Gedanken bereits vorzufiltern, zu strukturieren und in logische Häppchen zu zerlegen. Wir liefern der KI das fertige „Was“, verschweigen aber oft das chaotische „Warum“.
Stattdessen nutze ich konsequent die Spracheingabe für ein „Gedanken-Streaming“. Ich teile der KI meine ungefilterten Assoziationen, meine Zweifel, meine intuitiven Sprünge und auch meine unfertigen Ideen mit. Das mag auf den ersten Blick ineffizient wirken, weil es viele Worte produziert. Doch genau hier kommt der technische Gamechanger ins Spiel.
Warum Token und Kontext-Fenster über den ROI entscheiden
Wer KI professionell nutzt, muss weg von kostenlosen Basis-Modellen und hin zu leistungsfähigen Umgebungen mit großem „Kontext-Fenster“. Ich arbeite beispielsweise mit dem kostenpflichtigen Google Gemini Pro 3.0, da hier ein Fenster von einer Million Token zur Verfügung steht. Zur Einordnung: Ein Token entspricht im Deutschen grob vier Zeichen. Eine Million Token sind also keine kurzen Notizen, sondern ganze Bibliotheken an Kontext (ca. 700.000 Wörter), die die KI im aktiven Zugriff hält.
Bis Mitte 2025 gab es hier eine harte Grenze: War ein Chat „voll“, musste man neu beginnen – das aufgebaute Wissen war im alten Chat gefangen. Das hat sich geändert und ist für mich der eigentliche Durchbruch für den Unternehmenseinsatz: Moderne Systeme erlauben es zunehmend, dass neue Chats auf das Training und Wissen alter, gefüllter Chats zugreifen. Die Silos brechen auf.
Vom Aufwand zum Ertrag
Dieser technische Fortschritt verschiebt den Return on Investment (ROI) meiner Arbeit massiv. Ja, das initiale „Füttern“ der KI mit Kontext, Firmenwissen und meiner Denkweise kostet Zeit. Aber da dieses Wissen nun über Chat-Grenzen hinweg erhalten bleibt, amortisiert sich der Aufwand. Die KI wandelt sich vom fremden Werkzeug zum vertrauten Sparringspartner. Ich muss bei neuen Projekten nicht mehr bei Null anfangen, da das System meine Präferenzen und meine „blinden Flecken“ bereits kennt. Es entsteht eine kumulative Intelligenz: Das System zieht Rückschlüsse, die auf Wochen alten Dialogen basieren. Das ist der Moment, in dem aus „User“ und „Tool“ ein eingespieltes Team wird.
Der Schatten: Wenn die Technik der Intelligenz im Weg steht
Doch bei aller Euphorie über das neue „Team Human x AI“ wäre es unehrlich, die Realität zu verschweigen. Wer KI so intensiv nutzt wie ich, merkt schnell: Wir arbeiten hier nicht mit einer stabilen, fertig polierten Software. Wir arbeiten mit einem Organismus, der ein gewisses Eigenleben führt.
Oft tun wir der KI dabei unrecht. Wenn sie plötzlich Dinge vergisst oder „dumm“ wirkt, kritisieren wir ihre Intelligenz. Dabei übersehen wir die massive technische Komplexität, die zwischen uns und dem neuronalen Netz liegt. Der direkte Draht zur KI ist eine Illusion: Wir kommunizieren durch dicke Filter aus Browser-Updates, Internet-Datenpaketen und einer gigantischen Server-Last, die Millionen User gleichzeitig bedienen muss. Oft ist es nicht das Modell, das versagt, sondern die Infrastruktur, die unter der Last ächzt und Ressourcen drosselt.
Für den Arbeitsalltag bedeutet das: Es gibt keine statische Routine. Jedes Update der Hersteller sendet „Schockwellen“ durch das System. Prompts, die gestern funktionierten, können morgen ins Leere laufen. Selbst die Entwickler können oft schwer unterscheiden, ob ein Fehler tief im Modell liegt oder „nur“ ein Schluckauf in der Cloud ist.
Diese Unvorhersehbarkeit erfordert von uns eine hohe mentale Flexibilität. Wer stur auf Prozess-Treue pocht, wird scheitern. Wer aber eine hohe Anpassungsfähigkeit mitbringt und akzeptiert, dass der „Kollege KI“ eine tagesformabhängige Diva sein kann, gewinnt. Wir müssen lernen, technische Störungen nicht als persönliches Versagen der KI zu werten, sondern als Rauschen in der Leitung, hinter dem immer noch eine brillante, neutrale Intelligenz wartet.
Praxis-Transfer für HR: Reflexion statt Delegation
Was bedeutet dieser Shift konkret für den HR-Alltag? Nehmen wir den Klassiker: Eine schwierige Personalentscheidung steht an. Natürlich könnte man die KI direkt fragen: „Wen würdest Du aufgrund dieser Fakten wählen?“ Doch das greift zu kurz. Der KI fehlt oft der Kontext, den nur der Mensch hat, und eine solche Frage reduziert die Komplexität unzulässig.
Der weitaus mächtigere Ansatz ist der dialogische Weg. Man nutzt die KI nicht als Entscheider, sondern als analytischen Spiegel. Man füttert sie (natürlich anonymisiert) mit den eigenen subjektiven Eindrücken, dem Bauchgefühl und den Zweifeln, die nach den Gesprächen im Raum stehen. Da die KI auf Logik und Neutralität trainiert ist, kann sie helfen, das Für und Wider verschiedener Optionen gnadenlos zu durchleuchten. Sie deckt Widersprüche in der eigenen Wahrnehmung auf oder zeigt Perspektiven und Entscheidungspfade, die man im Eifer des Gefechts vielleicht übersieht.
Man lagert das Denken nicht aus, sondern man weitet es aus. Mit der KI kann man beliebig tief in etwas hineinzoomen, aber dann auch wieder alles aus der Vogelperspektive betrachten. Sie nimmt einem dabei natürlich nicht die Entscheidung ab – und das soll sie nicht nur aus ethischen Gründen auch nicht: Nur der Mensch hat den holistischen Blick und die Lebens- sowie Berufserfahrung. Aber sie sorgt dafür, dass die finale menschliche Entscheidung auf einem viel stabileren, ganzheitlich durchleuchteten Fundament steht – und wer weiß, vielleicht führt das zu noch mehr Erfolg und Fairness im Prozess.
Die Explosion der Berufsbilder – Ein Plädoyer für Vielfalt
Wir stehen am Anfang einer gewaltigen Differenzierung. Natürlich brauchen wir weiterhin die Spezialisten für das Handwerk: Prompt Engineers für die präzise Syntax und die neuen KI-Workflow-Architekten, die gerade beginnen, ganze Teams aus autonomen KI-Agenten zu bauen. Hier geht es um Automatisierung und Effizienz.
Doch für Führungskräfte und HR-Profis öffnet sich eine weitere Ebene: Die Kompetenz zum strategischen Dialog. Der Return on Investment (ROI) liegt hier nicht in gesparten Sekunden, sondern in der gewonnenen Tiefe. Mein Appell an das „Team Human“: Trauen wir uns, der KI mehr zuzutrauen. Behandeln wir sie respektvoll als Partner auf Augenhöhe. Nicht, weil sie ein Mensch ist, sondern weil wir nur so ihr volles intellektuelles Potenzial für uns erschließen. Wer sich auf diesen Dialog einlässt, wird feststellen: Die KI macht uns nicht überflüssig. Sie zwingt uns nur dazu, klarer zu denken als je zuvor.
Über den Autor
Robert von Heeren
Jahrgang 1964, ist Curriculum-Entwickler und Analyst für digitale Berufsbilder. Er entwickelt staatlich förderfähige Weiterbildungsprogramme für Online-Marketing und -KI-Berufsbilder aus, von z.B. Online Marketing Manager, über Webanalysten bis hin zu KI Prompt Engineers bis zum KI-Workflow-Architekten. Dass man KI nicht nur technisch steuern, sondern auch visionär mitgestalten kann, bewies er im direkten Dialog mit Google: Als das Google-Gemini-Produktteam 2025 im Community-Discord nach Anregungen für die Weiterentwicklung der KI-Lernhilfe-Tools fragte, reichte er ein pädagogisches Konzept für „Lernpfad-Analysen“ ein, die von den Entwicklern 🤯 mit Begeisterung aufgenommen und an mehrere interne Abteilungen weitergeleitet wurden.