Wer nur KI einführt, bekommt schnelleren Lärm
Jan C. Küster | 13.05.2026
Warum Performance im KI-Zeitalter heißt: wirksam bleiben unter Last
Fangen wir mit dem Widerspruch an: 78 Prozent der Organisationen nutzten 2024 bereits KI, im Vorjahr waren es noch 55 Prozent. Gleichzeitig berichtet IBM, dass nur 25 Prozent der KI-Initiativen den erwarteten ROI liefern und nur 16 Prozent unternehmensweit skalieren. Viel Adoption, wenig Wirkung. Viel Invest, wenig Impact.
Zwei weitere Zahlen machen die Lage nicht gemütlicher: McKinsey geht davon aus, dass in Deutschland bis 2030 rund 30 Prozent der heutigen Arbeitsstunden durch Technologie inklusive generativer KI automatisierbar werden könnten. Bis zu drei Millionen Berufswechsel werden erwartet. Das World Economic Forum wiederum beschreibt human-centric skills wie Kreativität, Resilienz, Kollaboration und lebenslanges Lernen als entscheidend für Anpassungsfähigkeit und Transformation — und zeigt zugleich, dass viele Arbeitgeber ihre Belegschaften genau darin noch nicht ausreichend stark sehen.
Das ist der Punkt: KI ist nicht mehr Zukunftsmusik. Aber sie ist auch kein Zauberstab. Wer nur Tools einführt, bekommt nicht automatisch bessere Organisationen. Oft bekommt er einfach nur schnelleren Lärm.
Beim Founders Fight Club erleben wir gerade drei Arten von Arbeitsrealität.
Die erste: Organisationen, die selbst noch wenig mit KI arbeiten. Dort sorgt unsere Output-Geschwindigkeit regelmäßig für Verwunderung. Was früher Tage gedauert hätte, entsteht heute in Stunden: Struktur, Konzepte, Texte, Programme, Entscheidungsgrundlagen.
Die zweite: Menschen, die mit KI zuarbeiten und uns mit AI-Slop überfrachten. Das sieht nach viel Arbeit aus. Ist aber oft nur aufgeblasene Masse. KI generiert schnell Volumen. Aber Masse ist nicht Klasse.
Die dritte: Organisationen, die ebenfalls effektiv mit KI arbeiten. Dort verändert sich die Geschwindigkeit fundamental. Ein Beispiel aus unserer Praxis: Bei einem großen Messeprojekt mussten innerhalb kürzester Zeit E-Mails, Verfügbarkeiten, Speaker-Informationen, Programmlogik und Partnerinteressen zusammengeführt werden. Früher wäre das ein Marathon aus Postfächern, Tabellen, Rückfragen und Copy-Paste gewesen. Heute kann KI die Inbox vorsortieren, relevante Informationen herausziehen, Datenbanken aufbauen, Lücken markieren und erste Entwürfe vorbereiten. Der Mensch muss nicht mehr alles manuell zusammensuchen. Er muss entscheiden, was davon zählt.
Genau dort beginnt der eigentliche Unterschied.
Physische Routinen wurden durch Maschinen ersetzt. Jetzt sind kognitive Routinen dran. Wer das romantisch wegdeutet, tut niemandem einen Gefallen. Nicht jeder Job bleibt erhalten. Viele Tätigkeiten, die vorrangig aus Wiederholung, Weiterleitung und Statuspflege bestehen, werden unter Druck geraten.
Aber dadurch wird der Mensch nicht unwichtiger. Er wird an anderer Stelle wichtiger.
Der “Human in the Loop” ist nicht der Mensch, der am Ende brav auf „Freigeben“ klickt. Das ist die traurigste Version dieser Idee. Der Human in the Loop muss entscheiden können. Er muss Nuancen erkennen. Er muss wissen, wann ein KI-Output brauchbar ist und wann er gefährlich gut klingt. Er muss Datenqualität einschätzen, Widersprüche erkennen, Prioritäten setzen und Verantwortung übernehmen.
Dafür braucht er Agency.
Autonomie heißt: Ich darf etwas tun. Agency heißt: Ich habe Information, Kontext, Kompetenz, Energie und Mandat, um sinnvoll zu handeln.
Das ist der zentrale Unterschied. KI kann Optionen erzeugen, Workflows anstoßen, Daten verdichten. Aber sie kann nicht wissen, welche Option in diesem konkreten Moment wirklich zählt. Das ist keine Frage der Rechenleistung. Das ist eine Frage von Verantwortung.
Genau hier versagen viele Organisationen noch.
In alten Hierarchien war Information Macht. Wer in den wichtigen Meetings saß und Informationen dosiert weitergab, hatte Status. In einer KI-geprägten Organisation wird dieses Modell zum Bremsklotz. Wenn Menschen nur Bruchstücke sehen, können sie keine guten Entscheidungen treffen. Wenn Informationssilos bleiben, wird KI nicht zum Performance-Booster, sondern zum Bullshit-Verstärker.
Ein gutes Gegenbild kommt aus dem Militär. Mission Command bedeutet: Führung definiert Absicht, Rahmen und Ziel — nicht jeden einzelnen Schritt.
Stell dir eine Einheit in einem Krisengebiet vor. Die Zentrale hat Karten, Lagebilder und Funkkontakt. Aber der Soldat an der Straßenecke sieht, was gerade wirklich passiert: eine blockierte Route, Zivilisten, ein Risiko, das in keiner Planung stand. In diesem Moment hat er den besten Informationsstand und trifft die Entscheidung. Das ist Mission Command. Wenn jede Entscheidung erst nach oben gemeldet, interpretiert und wieder freigegeben werden muss, ist das System zu langsam.
Genau daran scheitern Unternehmen jeden Tag, nur weniger dramatisch.
Der Kundenservice sieht das Problem zuerst. Sales spürt, dass ein Deal kippt. Das Projektteam erkennt, dass die Datenbasis nicht stimmt. Eine Person im operativen Prozess merkt, dass ein KI-Output zwar elegant klingt, aber am echten Problem vorbeigeht. Wenn Entscheidungsrechte trotzdem oben hängen und Information in Silos liegt, wird aus Wissen keine Handlung. Dann ist Hierarchie nicht Ordnung, sondern Verzögerung.
Wenn das Militär uns lehrt, wie Informationsflüsse unter Druck strukturiert werden, dann lehrt uns der Spitzensport, wie der Mensch in dieser Struktur leistungsfähig bleibt.
Performance ist zu Unrecht in Verruf geraten. In vielen Unternehmen klingt Performance nach Druck, Überlastung, KPI-Keule und noch einem Quartal „mehr mit weniger“. Das ist nicht Performance. Das ist Verschleiß mit PowerPoint.
Frag einen Spieler bei FC Bayern München, ob Leistung im Widerspruch zu Wellbeing steht. Er würde lachen. Ohne Schlaf, Training, Ernährung, Recovery, Teamvertrauen und Liebe zum Spiel gibt es keine Spitzenleistung. Im Sport weiß jeder: Der Muskel wächst nicht im Stimulus, sondern in der Anpassung danach.
In Unternehmen tun wir oft so, als gelte diese Biologie für Wissensarbeit nicht. Als könne der Kopf jeden Tag gleich performen. Als sei Recovery Privatsache. Als könne man Menschen mit Meetings, Pings, schlechten Daten und unklaren Verantwortlichkeiten fluten und dann bessere Entscheidungen erwarten.
Das ist absurd. Und es ist vermeidbar.
KI ist für Wissensarbeit vielleicht das stärkste Performance-Werkzeug seit dem Fitness-Tracker. Sie kann Graustress reduzieren: die nervigen, aufgeschobenen, nie ganz schweren, aber dauerhaft mental klebenden Aufgaben. Follow-ups. Zusammenfassungen. Varianten. erste Entwürfe. Recherche. Strukturierung. Prozessvorschläge. Genau dort kann KI entlasten, automatisieren oder zumindest brutal gut zuarbeiten.
Aber wenn KI mehr Outputs erzeugt, braucht der Mensch mehr Urteilskraft. Wenn KI mehr Optionen liefert, braucht der Mensch mehr Fokus. Wenn KI Prozesse beschleunigt, braucht der Mensch bessere Recovery.
Microsoft beschreibt im Work Trend Index 2025 diese Kapazitätslücke sehr deutlich: 53 Prozent der Führungskräfte sagen, Produktivität müsse steigen, während 80 Prozent der globalen Workforce angibt, nicht genug Zeit oder Energie für die eigene Arbeit zu haben.
Genau hier entscheidet sich die Zukunft der Arbeit. Nicht in der Tool-Liste. Sondern in der Frage, ob Organisationen Menschen in die Lage versetzen, mit KI wirksam zu arbeiten.
HR gehört ins Zentrum dieser Transformation. Nicht als Abteilung, die später Trainings organisiert. Sondern als Mitgestalterin von Rollen, Fähigkeiten, Entscheidungsrechten, Kultur und Belastungssteuerung.
Die ehrliche Diagnose: Diese Rolle wird zu selten eingefordert. Zu häufig bleibt HR dort, wo Unternehmen es ohnehin gerne sehen: gute Leute einstellen, Verträge verwalten, Kultur weich formulieren. Aber die KI-Transformation ist zu wichtig, um sie allein IT, Strategie oder externen Beratern zu überlassen.
Denn es geht nicht nur um Software. Es geht auch um neue „Kollegen“.
KI-Agenten, Bots und Roboter sind keine Menschen. Aber sie werden Teil von Arbeitssystemen. Sie geben Hinweise, priorisieren Aufgaben, beantworten Fragen, steuern Prozesse oder arbeiten physisch mit Menschen zusammen. Fortgeschrittene Robotik verändert Arbeit, Rollen und Aufgaben.
Damit entstehen neue kulturelle Spannungen. Manche Mitarbeitende fühlen sich entlastet. Andere fühlen sich kontrolliert, ersetzt oder entwertet. Erste Forschung spricht über Anti-Robot-Sabotage, Robot Bullying und aggressive Reaktionen gegenüber Maschinen. Studien zeigen außerdem, dass wahrgenommene Job-Bedrohung ein zentraler Faktor im Umgang mit Robotern sein kann.
Das klingt kurios. Ist es aber nicht. Es ist ein kultureller Frühindikator.
Wenn Teams KI-Agenten nur als Bedrohung erleben, werden sie sie umgehen, schlecht nutzen oder sabotieren. Wenn Führung KI autoritär ausrollt, entsteht Widerstand. Wenn niemand erklärt, welche Rolle ein digitaler Kollege übernimmt, entsteht Misstrauen. Und wenn Menschen ihre Unsicherheit nicht offen ansprechen können, landet sie schnell in Zynismus, passiver Aggression oder Blockade.
HR muss deshalb mehr tun als KI-Schulungen organisieren. HR muss Regeln, Sprache und Rituale für hybride Teams entwickeln: Was darf ein KI-Agent entscheiden? Wann muss ein Mensch eingreifen? Wie wird Verantwortung verteilt? Wie sprechen wir über Fehler von KI? Wie gehen wir mit dem Gefühl um, von Technologie ersetzt oder entwertet zu werden?
Die neue Arbeitswelt braucht Onboarding nicht nur für Menschen. Sie braucht Onboarding für das Zusammenspiel von Menschen, KI-Agenten und Robotern.
Das ist keine Wohlfühlagenda. Das ist Wettbewerbsfähigkeit.
Die bessere Version von Human × AI lautet nicht: Wir stellen den Menschen romantisch in den Mittelpunkt und hoffen, dass alles menschlich bleibt. Das wäre HR-Blabla im Hochglanzformat.
Die bessere Version lautet: Wir bauen Organisationen, in denen Menschen mit KI mehr Wirkung entfalten als ohne sie. Nicht weil sie mehr klicken. Sondern weil sie besser entscheiden. Weil sie fokussierter arbeiten. Weil sie schneller lernen. Weil sie Recovery ernst nehmen. Weil sie ihre Arbeit nicht nur ausführen, sondern Verantwortung für sie übernehmen.
Performance heißt nicht: mehr Output um jeden Preis.
Performance heißt: wirksam bleiben unter Last.
Wer das in seine Organisationslogik übersetzt, hat einen Vorsprung. Wer wartet, bis der Markt es einfordert, hat ein Problem.
Hinweis: Zukunft Personal und Founders Fight Club vertiefen diese Fragen in der virtuellen Eventserie Human in the Loop – Performance im Zeitalter von KI. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen in einer KI-geprägten Arbeitswelt leistungsfähig, fokussiert und wirksam bleiben — und welche Anforderungen das an Konzentration, Kreativität, Entscheidungsfähigkeit, Regeneration, Führung und nachhaltige Performance stellt.
Über den Autor
Jan C. Küster
Jan C. Küster ist Director des Founders Fight Club. Als Tech-Evangelist, Moderator und Kurator entwickelt er Formate rund um Innovation, KI und Human Performance. Sein Fokus: wie Technologie, Automatisierung und neue Arbeitsformen Menschen nicht ersetzen, sondern zu mehr Fokus, Wirkung und Entscheidungsstärke befähigen.