Stop “KI-Fast-Food” im Recruiting: Wie KI uns nicht nur schneller, sondern besser macht
Anja Bauer | 26.02.2026
Ich glaube, künstliche Intelligenz kann Recruiting menschlicher machen. Nicht indem wir auf Effizienz optimieren - sondern auf bessere Ergebnisse, durch strukturierte Analysen und tiefere Kandidat*innen-Insights. Letztes Jahr habe ich ein Experiment gestartet. Meine Frage war simpel: Wie setze ich KI so ein, dass mein Recruiting-Prozess qualitativ hochwertiger wird - nicht nur effizienter?
Der Auslöser: 400 Bewerbungen und eine unbequeme Frage
Vor einem Jahr: 400 Bewerbungen in 48 Stunden auf eine Fullstack-Developer-Stelle. Zwei Gedanken: „Wie großartig, dass so viele Menschen bei uns arbeiten wollen.“ Und: „Wie soll ich das fair und transparent bewerten?“
Mit unserem CTO definierte ich acht Kriterien. Doch dann saß ich vor Lebensläufen voller Technologien, die ich nur teilweise verstand: Containerisierung? Kubernetes? Ich klickte, verglich, sortierte - und blieb mit einer Shortlist und einer nagenden Unsicherheit zurück: Habe ich jemanden übersehen?
Die Wahrheit: Bewerbungsauswertungen fühlen sich objektiver an, als sie sind.
Hand aufs Herz: Können Sie transparent erklären, wie Ihre Shortlist entsteht?
Und während wir sortieren, wird die Flut größer: Easy Apply, KI-optimierte Lebensläufe, automatisierte Bewerbungen. Effizienz für Kandidat*innen bedeutet Überforderung für Recruiter:innen.
Vom Sortieren zum Verstehen: Ein KI-Experiment
Das war der Kickstart für mein Recruiting-KI-Experiment.
Der Startpunkt für mein Experiment war nicht die Frage: „Wie komme ich schneller zur Shortlist?“, sondern: „Wie hilft mir KI, die besten Kandidat*innen für die Stelle zu finden – nicht nur am schnellsten?“
Ich simulierte einen Prozess mit Dummy-Daten: Ich ließ Kriterien aus Stellenausschreibungen präzisieren, anonymisierte Bewerbungen und nutzte KI, um Erkenntnisse zu gewinnen. Interviews ließ ich transkribieren und analysieren - nicht um mir Entscheidungen abzunehmen, sondern für mehr Insights, die ich sonst nicht gesehen hätte.
Eine banale aber entscheidende Erkenntnis: Die KI wusste, dass Docker zur Containerisierung gehört. Ich nicht. Plötzlich wurden Kandidat*innen nicht mehr wegen meiner Wissenslücken aussortiert.
Eine weitere Erkenntnis: KI braucht Anweisungen, Kontext, Anleitung, Struktur. Ohne Moderation und Strategie ist man mit KI-Auswertung nicht schlauer, sondern erzeugt nur viel Text und sonst nichts. Zudem mindert blindes Vertrauen in KI das kritische Denkvermögen und birgt fachliche sowie rechtliche Risiken.
Drei Empfehlungen und Prinzipien
KI kann Ihre Urteilskraft erweitern, sie sollte diese aber nicht ersetzen
→ Prinzip 1: KI strukturiert, analysiert, präzisiert und fasst zusammen. Aber sie sollte nichtentscheiden. Human-in-the-Loop sollte keine Floskel sein, sondern gelebte Verantwortung –besonders, wenn es um menschliche Schicksale geht.
Anwendung: Kopieren Sie eine Jobausschreibung in einen Chatbot und lassen Sie daraus Evaluationskriterien für das Screening von Bewerbungen generieren. Präzisieren Sie diese gemeinsam mit der KI. Die finale Auswahl von 6-8 Kriterien sollte bei Ihnen liegen, denn diese entscheiden über die Zusammenstellung der Shortlist und ob Bewerber*innen ausgewählt werden oder nicht.
KI kann große Datenmengen erfassen und verarbeiten - nutzen Sie das Potenzial.
→ Prinzip 2: KI hilft, Datenmengen zu strukturieren und zu analysieren - nicht nur, umschneller auszuschließen, sondern um vollständiger zu verstehen und einen Überblick zuschaffen.
Anwendung: Geben Sie interne Recruiting-Dokumente und Informationen in einen Chatbot und lassen Sie daraus FAQs für die Karriereseite entwickeln, um Fragen von Bewerbenden vorab zu beantworten und somit die Candidate Journey zu verbessern.
*Ich habe hier bewusst nicht die Analyse von Bewerbungsdokumenten und Interviewtranskriptionen mit einem KI Chatbots als Anwendungs Experiment genannt, da dies rechtlich ein hohes Risiko darstellt - dies ist nur mit einer geeigneten Software (ATS) zu empfehlen.
KI bringt nur gute Ergebnisse, wenn Sie ihr ein Ziel, Kontext und Struktur vorgeben
→ Prinzip 3: Ohne klare Anforderungen oder mit vagen Prompts entstehen schlechteErgebnisse. KI ist kein Fast Food: Wer sie nutzt, nur um schnelle Ergebnisse zu erhalten,verliert Qualität.
Anwendung: Erstellen Sie mit KI einen Master-Prompt, um eine ansprechende Job-Ausschreibung zu generieren. Geben Sie der KI genug Kontext zum Unternehmen, der Kultur, dem Sprachstil und Strukturhinweise für die Ausschreibung. Wenn Sie einen richtig guten Prompt erstellt haben, können Sie diesen für alle weiteren Ausschreibungen immer wieder verwenden. Hier auch ein kostenfreier Guide mit Prompt, um eine ansprechende und starke Job Ausschreibung zu gestalten: Guide Job Ausschreibung.
KI im Recruiting kann also ohne Bedenken für Texterstellung, Strukturierung, Verarbeitung von unbedenklichen Daten und Recherche verwendet werden.
Die entscheidende Frage ist: Wie sollte KI im Recruiting explizit nicht eingesetzt werden?
Meiner Meinung nach sollte Chatbot-KI nicht für die Beurteilung von sozialen Fähigkeiten und numerische Beurteilungen (z.B. Blackbox-Scores ohne Grundlage und Begründung) oder automatisierte Ablehnungen von Bewerber*innen eingesetzt werden.
Auf Basis dieser Erkenntnisse ist die Idee für CometHire, eine KI-unterstützte Bewerbermanagement-Software, die Recruiting schnell, fair und transparent macht entstanden. Eine Software, die KI dort implementiert, wo es sinnvoll ist, ohne den Menschen zu ersetzen.
Vielleicht braucht Recruiting eine kleine Revolution
Ich weiß nicht, wie das Recruiting in ein paar Jahren aussieht. Vielleicht brauchen wir gar keine Lebensläufe mehr. Aber eines ist klar: Wer KI ignoriert, verliert Gestaltungsmacht. Wer sie unkritisch nutzt, verliert Menschlichkeit.
Recruiting braucht keine KI-Agenten mit menschlichen Namen. KI soll die operative Last tragen, damit wir uns auf das konzentrieren können, was zählt: in menschlichen Austausch und Verbindung gehen.
Denn am Ende geht es nicht um Effizienz um jeden Preis – sondern darum, smarter und menschlicher mit KI zu werden.
Über die Autorin
Anja Bauer
Mich fasziniert Recruiting, schon bevor ich die Bezeichnung kannte. Bereits in der Schule vermittelte ich Freund*innen in Jobs - heute ist es Leidenschaft: Mich begeistert es, Teams aufzubauen und den Menschen in den Mittelpunkt des unternehmerischen Handelns zu stellen. Kostenfreie Inspiration rund ums Recruiting teile ich auf LinkedIn. Wenn Sie eine auch Leidenschaft für HR Themen haben, freue ich mich auf einen Austausch.