KI Kompetenz – 66.000 evaluierte Personen zeigen, es ist nicht egal, in welcher Branche du arbeitest
Robindro Ullah | 07.05.2026
Die Diskussion rund um Künstliche Intelligenz hat in den vergangenen Monaten deutlich an Dynamik gewonnen. Insbesondere im Personalmanagement rückt dabei ein Begriff zunehmend in den Mittelpunkt: KI-Kompetenz. Doch was verbirgt sich eigentlich dahinter? Und warum greift es zu kurz, diese Kompetenz allein daran zu messen, ob jemand in der Lage ist, einen Chatbot zu bedienen?
Genau hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis. Die niedrigen Einstiegshürden vieler KI-Anwendungen suggerieren eine schnelle Zugänglichkeit – und damit vermeintlich auch eine schnelle Kompetenzentwicklung. Tatsächlich verhält es sich jedoch umgekehrt: Je einfacher die Nutzung erscheint, desto größer ist die Gefahr, die Komplexität hinter den Systemen zu unterschätzen. Viele Anwenderinnen und Anwender verlassen sich auf Ergebnisse, ohne diese kritisch zu hinterfragen oder einzuordnen. Aspekte wie Datenschutz, regulatorische Rahmenbedingungen – etwa durch den EU AI Act – oder auch typische Fehlerquellen wie Halluzinationen geraten dabei schnell aus dem Blickfeld.
KI-Kompetenz ist somit weit mehr als reine Anwendungssicherheit. Sie beschreibt die Fähigkeit, Technologie nicht nur zu nutzen, sondern sie auch zu verstehen, kritisch zu reflektieren und verantwortungsvoll einzusetzen. Genau dieser ganzheitliche Blick bildet die Grundlage einer aktuellen Analyse, in der die KI-Kompetenz von rund 66.000 Menschen in Deutschland untersucht wurde. (Quelle: Trendence Institut, KI Kompetenz Messung Deutschland 2025/26)
Um dieses komplexe Konstrukt greifbar zu machen, wurde KI-Kompetenz in mehrere Dimensionen unterteilt.
- Den Ausgangspunkt bildet die klassische Digitalkompetenz – also ein grundlegendes Verständnis für technische Zusammenhänge und digitale Werkzeuge.
- Darauf aufbauend folgt das KI-spezifische Know-how: Wissen darüber, wie KI-Systeme – insbesondere Large Language Models – funktionieren, trainiert werden und welche Logiken ihnen zugrunde liegen.
- Eine weitere zentrale Dimension ist die sogenannte KI Literacy. Sie geht über das reine Verständnis hinaus und fokussiert die Anwendung im Alltag. Dazu gehört nicht nur die Fähigkeit, geeignete Tools auszuwählen und effektiv einzusetzen, sondern auch ein Bewusstsein für rechtliche Rahmenbedingungen wie die DSGVO sowie ein reflektierter Umgang mit den Ergebnissen von KI-Systemen. Wer KI sinnvoll nutzen will, muss ihre Grenzen kennen.
- Ergänzt wird dieses Modell durch das KI-Mindset – ein Faktor, der häufig unterschätzt wird, aber entscheidend für nachhaltige Kompetenzentwicklung ist. Gemeint ist damit die grundsätzliche Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzubilden, neue Technologien zu adaptieren und mit der Geschwindigkeit des Wandels Schritt zu halten. Gerade in einem Umfeld, das sich so rasant entwickelt wie die KI, wird Lernfähigkeit zu einer Schlüsselressource.
Auf Basis dieser Dimensionen wurde ein KI-Kompetenz-Score (dieser kann zwischen 18 - bis max 56 liegen - im Bereich von 0 - 18 ist davon auszugehen, dass auch noch Digital Themen offen sind) entwickelt, der es ermöglicht, Unterschiede nicht nur auf individueller, sondern auch auf struktureller Ebene sichtbar zu machen. Besonders aufschlussreich wird dies im Branchenvergleich. Denn erste Auswertungen zeigen: Ähnliche Berufsgruppen weisen je nach Branche teils deutliche Unterschiede in ihrer KI-Kompetenz auf.
Diese Beobachtung legt nahe, dass es durchaus entscheidend ist, wo ich arbeite, ob ich meine KI Kompetenz entwickeln und ausbauen kann. Branchen, die sich frühzeitig und intensiv mit KI auseinandersetzen, scheinen ihre Mitarbeitenden gezielter zu befähigen und ein entsprechendes Umfeld zu schaffen – und verschaffen damit den Individuen einen messbaren Vorsprung. Oder anders ausgedrückt: wer glaubt, KI Kompetenz ist ein wichtiger Skill für die zukünftige Employability, sollte sich ggf. eben auch an Branchen orientiere, wenn es um die Wahl des Arbeitgebers geht.
Spanned ist dabei insbesondere, dass nicht nur klassische Technologiebranchen zu den Vorreitern zählen. Auch Sektoren wie Banken oder das Handwerk zeigen in der Analyse überdurchschnittliche Werte. Ein Befund, der auf den ersten Blick überrascht – und gleichzeitig darauf hindeutet, dass die strategische Auseinandersetzung mit KI längst über die Grenzen der IT Branche hinausgeht.
Für Arbeitgeber kann man nur empfehlen, sich frühzeitig mit den Themen der Entwicklung der KI Kompetenz bei Mitarbeitenden auseinanderzusetzen. Die Personen, die als erste ein Scoring von über 30 erreichen, werden zukünftig die High Potentials sein und eben für diese Zielgruppen, sollte ich eine passende Umgebung als Arbeitgeber schaffen. Wir stehen hier noch ganz am Anfang!
Über den Autor
Robindro Ullah
Robindro Ullah ist Geschäftsführer der Trendence Institut GmH und Experte im Bereich Employer Branding, Personalmarketing und Recruiting. Vor seinem Wechsel zu Trendence war er Geschäftsführer sowie Herausgeber von „hr|tomorrow exclusive“, Deutschlands erstem HR Trend-Magazin. Davor arbeitete Robindro Ullah unter anderem beim Heidenheimer Technologiekonzern Voith GmbH als Leiter Globales Employer Branding, Recruiting und HR Communication. Er war außerdem Leiter Personalmarketing und Recruiting Süd bei der Deutschen Bahn AG. Robindro Ullah ist seit Jahren gefragter Speaker und Moderator bei diversen Fachkonferenzen und internationalen Veranstaltungen. Der Diplom-Wirtschaftsmathematiker ist mehrfacher Buchautor (u. a. Praxishandbuch Recruiting; Erfolgsfaktor Sourcing). Außerdem bloggt er seit knapp zehn Jahren unter anderem auf hrinmind.de.