Niemand käme auf die Idee, einem Hammer zu sagen, er solle ein Haus bauen, oder einem Taschenrechner, er solle die statische Berechnung für eben dieses Haus vornehmen.
Warum sagen wir dann der KI, sie soll perfekte Kandidat:innen für unsere offenen Stellen finden? Vielleicht liegt es am Namen, künstliche Intelligenz, vielleicht auch an den großen Versprechen der letzten Jahre, dass sie menschliches Denken und Kreativität ersetzen kann.
Zwischen Algorithmus und Anstand
Fast vier Jahre nach der ersten Veröffentlichung von ChatGPT wissen wir mehr. Fälle wie der von McDonald's aus dem Jahr 2024 haben die Grenzen der künstlichen Intelligenz deutlich aufgezeigt. Der Versuch des Fast-Food-Riesen, die Bestellannahme an der Drive-Thru-Kasse zu automatisieren, ist heute ein Lehrbuchbeispiel für übereilte, nicht zu Ende gedachte Automatisierung. Viral gegangene Videos zeigten ein System, das Kundenbestellungen unkontrolliert mit Hunderten Chicken McNuggets auffüllte oder Eis mit Ketchup und Speck garnierte.
Dennoch. KI ist das vielleicht mächtigste Tool seit der Erfindung des Computers und hat das Potenzial, die Welt von Grund auf zu revolutionieren. Und das Recruiting. Unternehmen, die sich dieser Entwicklung verweigern, werden höchstwahrscheinlich verschwinden. Ebenso wie Unternehmen, die sich blind darauf verlassen.
Es kommt darauf an, sie sinnvoll zu verwenden. Wir dürfen sie nicht als Hammer nutzen, um Schrauben festzuziehen. Und wir dürfen uns nicht von ihrem Namen täuschen lassen. KI besteht aus Algorithmen. Und Algorithmen sind vor allem zwei Dinge: nicht menschlich und nicht intelligent. Recruiting wiederum ist eine zutiefst menschliche Tätigkeit. Menschen versuchen gegenseitig, sich davon zu überzeugen, dass sie perfekt zueinander passen, um die nächsten Jahre viele Stunden am Tag miteinander zu verbringen.
Offensichtlich ist das eine maßlose Übersteigerung. Ich will damit aber deutlich machen, dass wir KI nicht einsetzen sollten, um den Menschen wegzurationalisieren. Er muss den Bewerbungsprozess begleiten als Ansprechperson für die Bewerbenden und als professioneller Nutzer des Recruiting-Systems, in dem KI eine immer größere Rolle spielen wird.
Das hat viel mit Anstand zu tun. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Datensätze in unseren Systemen echte Menschen sind. Trotz unserer Bestrebungen nach mehr Effizienz und mehr Tempo müssen wir sie als solche behandeln. Das ist übrigens nicht nur eine moralische Frage. Bewerber:innen, die nie am Chatbot und an automatischen E-Mails vorbeikommen, geben auf und erzählen von ihrem Frust mit dem entsprechenden Unternehmen. Nicht nur im Freundeskreis, sondern auch in den Social Media. Und wer KI verwendet, um Bewerber:innen nach Schlagworten zu filtern, läuft nicht nur Gefahr, gut geeignete Matches zu übersehen, sondern begibt sich auch auf rechtliches Glatteis.
KI für das nutzen, was sie kann
In den richtigen Händen und den richtigen ATS ist KI ein mächtiges Werkzeug. Sie automatisiert zeitaufwändige Abläufe, sie entwirft Stellenanzeigen, sie durchsucht Datenbänke und das Internet in Windeseile, sie beantwortet auch um Mitternacht Fragen, sie kann Termine über Kalender hinweg koordinieren, sie fasst Interviews und Lebensläufe zusammen und sie kann Neueinstellungen nahtlos zum Onboarding übergeben.
Bei Deel nutzen wir KI für das Sourcing von Kandidat:innen und das Screening von Lebensläufen in unserem ATS. Sie spart uns damit nicht nur Zeit. Sie findet auch Kandidat:innen, auf die wir unter Umständen selbst nicht gestoßen wären, wie etwa IT-Fachkräfte in Thailand, die ihre Lebensläufe eben auf Thai hochgeladen haben.
Im Bewerbungsprozess selbst nutzen wir sie, um Interviews zu transkribieren – mit einer wichtigen Einschränkung: Wir fragen unsere Kandidat:innen vorher, ob sie damit einverstanden sind. Nicht nur in der EU mit ihren strengen Datenschutzgesetzen, sondern weltweit. Wir zeigen unseren zukünftigen Teammitgliedern damit, dass wir sie als Mensch wertschätzen, dass ihre Meinung zählt.
Aus diesem Grund verlangen wir auch von niemandem, dass er oder sie Interviews mit einer KI führt. Welchen ersten Eindruck würden wir damit hochqualifizierten Talenten vermitteln?
Wir haben verbindliche Richtlinien eingeführt, die verhindern, dass KI Personalentscheidungen trifft. Sie darf Kandidat:innen nicht bewerten, nicht ranken und nicht miteinander vergleichen. Damit liegen die Entscheidungen über Einstellung, Beförderung, Vergütung und Kündigung immer beim Menschen. Versuche, diese Vorgaben zu umgehen, werden intern geflaggt. Jedes neue KI-Tool wird vor der Einführung gründlich geprüft. Es muss menschlicher Aufsicht unterliegen und einen Fairness-Check bestehen.
Wo KI uns überlegen ist
Es gibt Situationen, in denen die Maschine dem Menschen überlegen ist, sofern sie nicht mit den falschen Daten trainiert wurde. Sie weiß nicht, welche unbewussten Vorurteile Dinge wie Namen, Herkunft, Alter und Geschlecht bei menschlichen Recruiter:innen wecken können. Das ist ein riesiger Vorteil, den wir uns zunutze machen sollten, um das Recruiting gerechter zu gestalten und bessere Matches zu finden.
Diese Eigenschaft der KI ist eine großartige Chance, einen Ruf als modernen Arbeitgeber aufzubauen und die Diversität im Unternehmen auch tatsächlich zu verbessern. Es gibt genügend Studien dazu, welche Vorteile diverse Teams haben.
Blick in die Zukunft
Die Zukunft des Recruiting wird nicht ohne KI funktionieren. In einer idealen Welt werden wir sie nutzen, um die besten Kandidat:innen zu finden, überall auf der Welt und unabhängig von ihren persönlichen Eigenschaften. Sie wird unsere Prozesse weiter streamlinen, sodass Unternehmen schnell das richtige Talent und Bewerber:innen den passenden Arbeitgeber finden. Dabei behält der Mensch die Kontrolle und die Verantwortung und nutzt die KI als das, was sie ist. Ein mächtiges Werkzeug, das allen das Leben leichter machen kann.