Skills-Strategie ist zu wichtig für HR allein – Warum Kompetenzen in die Unternehmensziele gehören
Marcus Merheim | 05.05.2026
Skills sind das Thema der Stunde. Aber wer im eigenen Unternehmen fragt, welche Fähigkeiten wirklich vorhanden sind und wo sie sitzen, bekommt meistens keine belastbare Antwort. Das ist ein strukturelles Problem, das in Zeiten von Fach- und Arbeitskräftemangel nicht länger ignoriert werden kann. Denn Unternehmen, die ihre eigenen Kompetenzen nicht kennen, können ihre Mitarbeitenden nicht gezielt entwickeln und erst recht nicht glaubwürdig nach außen auftreten.
Das verborgene Potenzial im eigenen Unternehmen
Jobtitel sind praktisch. Sie strukturieren Organigramme, definieren Gehaltsrahmen und Stellenanzeigen. Was sie aber nicht liefern, ist ein realistisches Bild der Fähigkeiten, die tatsächlich in einer Organisation vorhanden sind. Und noch weniger zeigen sie, ob diese Fähigkeiten an der richtigen Stelle eingesetzt werden.
In der Praxis führt das dazu, dass in vielen Unternehmen Menschen sitzen, deren Potenzial schlicht nicht gesehen wird. Die Mitarbeiterin im Backoffice, die nebenbei programmiert. Der Kundenbetreuer, der analytisch denkt wie ein Controller. Der Lagerist, der anderen erklärt und anleitet, ohne dass jemand das je als Führungskompetenz eingeordnet hätte. Das sind keine Ausnahmen. Das ist ungenutztes Potenzial in großem Maßstab. Und in Zeiten, in denen qualifizierte Menschen knapp sind, ist das schlicht zu teuer. Und zwar sowohl für den Arbeitgeber als auch für die Menschen. Denn mutmaßlich sind Menschen, die sich in ihrer Rolle wohlfühlen, nun mal engagierter, produktiver und am Ende vermutlich weniger häufig krank. Sie könnten ihrem Arbeitgeber dadurch länger verbunden bleiben. Und was sonst könnten Arbeitgeber sich heute sonst noch von ihrer Belegschaft wünschen?
Der erste Schritt ist deshalb kein neues Inserat und keine neue Kampagne. Er ist eine ehrliche Kompetenzanalyse nach innen. Denn wer wirklich wissen will, was sein Unternehmen kann, muss aufhören, nur auf Stellenbeschreibungen und Titel zu schauen.
HR als Patient und Arzt zugleich
Die Funktion, die dieses Thema strategisch vorantreiben soll, steht dabei selbst vor einer nicht ganz einfachen Aufgabe. HR wird zunehmend damit beauftragt, Kompetenzmodelle zu entwickeln, Skills-Frameworks einzuführen und Re- und Upskilling-Programme zu gestalten. Gleichzeitig kämpft HR in vielen Unternehmen mit eigenen Kompetenzlücken. Das gilt unter anderem für den Umgang mit Daten und neuen Technologien sowie für die Positionierung als strategischer Partner.
Das ist letztlich eine Systemfrage. HR ist historisch als administrative Funktion gewachsen und soll nun strategische Impulse setzen. Das gelingt nur, wenn Unternehmen bereit sind, in HR selbst zu investieren. HR kann die eigenen Lücken diagnostizieren. Doch ohne Weiterbildung, klarere Rollenprofile und – wo nötig – externe Expertise bleibt es bei einer Diagnose ohne echte Heilung.
Re- und Upskilling: Kompetenz braucht Unternehmenskultur
Wenn Unternehmen Re- und Upskilling angehen, passiert oft dasselbe: Ein Seminar wird gebucht, ein E-Learning-Tool eingeführt, eine Pflichtschulung ausgerollt. Und ein Jahr später fragt niemand mehr, was daraus geworden ist. Nicht weil die Inhalte schlecht waren, sondern weil Lernen als Maßnahme verstanden wurde und nicht als Teil der Unternehmenskultur.
Um Wirkung zu erzielen, ist etwas anderes nötig. Es braucht eine Haltung, die von Führungskräften auf allen Ebenen vorgelebt wird. Nicht als Appell von oben, sondern als gelebte Praxis im Alltag. Wer Kompetenzentwicklung ernst nimmt, schafft den dafür nötigen Raum – strukturell, zeitlich sowie kulturell. Das klingt nach großem Aufwand, und den braucht es tatsächlich. Unternehmen, die diesen Weg bereits gehen, berichten, dass erste spürbare Effekte früher eintreten als erwartet. Er führt zu vermehrten, besseren internen Besetzungen, weniger Fluktuation und einem stärkeren Zugehörigkeitsgefühl.
KI-gestützte Tools helfen inzwischen dabei, den Prozess effizienter zu gestalten. Voraussetzung für den gesamten Change-Prozess in Richtung Skills-basiertes-Hiring, sind eine saubere Datenbasis, klar definierte Prozesse sowie eine eindeutige Zielsetzung.
Fast jede Employer-Value-Proposition enthält heutzutage einen Satz über Entwicklung, Lernen oder individuelle Stärken. Oft entstehen diese Botschaften in Workshops und Briefings, weit weg vom Arbeitsalltag der Menschen, die sie leben sollen. Das ist kein böser Wille. Aber es bedeutet ein Risiko. Denn Bewerber:innen sowie Mitarbeiter:innen bemerken schnell, ob die Versprechen des Arbeitgebers mit der erlebten Realität übereinstimmen.
Arbeitgeber, die ihre Kompetenzen nicht kennen, können kaum eine glaubwürdige Arbeitgebermarke aufbauen. Nicht weil die Kommunikation schlecht ist, sondern weil das Fundament fehlt. Eine starke EVP ist keine kreative Leistung. Sie ist das Ergebnis einer ehrlichen Auseinandersetzung mit dem, was ein Unternehmen wirklich bietet und kann.
Dabei besteht in vielen Unternehmen ein strukturelles Risiko. Denn Recruiting und Employer Branding arbeiten an ihren jeweiligen Aufgaben nebeneinanderher.
Dabei fehlt häufig das gemeinsame Bild vorhandener sowie benötigter Kompetenzen. Der eine Teil kommuniziert nach außen, der andere sucht und selektiert. Doch beide benötigen dieselbe Grundlage, um wirksam zu sein. Arbeitgeber, die diese Lücke schließen, stärken nicht nur ihre Arbeitgebermarke und ihren Recruiting-Prozess. Sie verbessern auch die Qualität der Entscheidungen, die über Menschen getroffen werden, im Einstellungsprozess ebenso wie darüber hinaus.
Skills-Strategie gehört in die Unternehmensziele
Skills-Entwicklung ist keine HR-Aufgabe, die nebenbei erledigt wird. Sie muss fest in den Unternehmenszielen verankert sein. Denn nur so ist sichergestellt, dass Kompetenzentwicklung nicht von Budgetrunden oder Personalwechseln abhängt, sondern Teil der strategischen Steuerung bleibt. Das erfordert Führung auf allen Ebenen: vom Vorstand, der die Richtung vorgibt, bis zu den Führungskräften, die nah an Mitarbeitenden und Bewerber:innen sind und täglich erleben, was gebraucht wird und was fehlt.
Wer das bisher nicht tut, ist damit zwar noch nicht allein. Doch die Zahl der Unternehmen, die diesen Schritt gehen, wächst. Nicht einfach nur, weil Skills-based-Hiring ein Trendthema ist. Sondern weil Fach- und Arbeitskräftemangel, demografischer Wandel sowie technologische Transformation den Unternehmen keine andere Wahl mehr lassen.
Skills zu kennen, zu nutzen und zu versprechen ist keine Kür. Es ist längst Pflicht.
Über den Autor
Marcus Merheim
Marcus Merheim ist seit mehr als 14 Jahren in der HR-Welt unterwegs und setzt sich dabei mit den unterschiedlichsten Personalthemen auseinander. Inhaltlich liegt sein Fokus auf Employer Branding, Unternehmenskultur und Organisationsentwicklung sowie Recruiting und Retention. Als Gründer von hooman EMPLOYER MARKETING agiert er mit seinem Team an der Schnittstelle von HR, Organisationsentwicklung und Kommunikation. Neben seiner Funktion als Host des ZEIT Talent Podcasts ist Marcus Vorsitzender des Ressorts „Arbeitswelt der Zukunft“ beim Bundesverband Digitale Wirtschaft und Leadspeaker Employer Branding bei OMR.