Künstliche Intelligenz im Betrieblichen Gesundheitsmanagement – Chancen und Risiken

Prof. Dr. Volker Nürnberg | 19.05.2026

Quelle: Zukunft Personal

Die Arbeitswelt befindet sich in einem disruptiven Wandel. Digitalisierung, steigende Komplexität der VUCA/BANI Welt und New Work verändern nicht nur Prozesse, sondern auch die Anforderungen an Beschäftigte. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) weiter an Bedeutung – und damit die Frage, wie moderne Technologien dazu beitragen können, Gesundheit, Leistungsfähigkeit und psychische und physische Gesundheit am Arbeitsplatz nachhaltig zu fördern. Eine Schlüsselrolle nimmt dabei die Künstliche Intelligenz (KI) ein. Sie schafft neue Möglichkeiten, Gesundheitsdaten besser auszuwerten, Präventionsmaßnahmen zielgerichteter zu gestalten und Mitarbeitende individuell zu unterstützen. Die 4 P Medizin, d.h. präventiv, präzise, persönlich und partizipativ (jederzeit digital verfügbar) hält Einzug.

1. Datenbasierte Gesundheitsanalysen

Traditionell stützt sich das BGM auf Fragebögen, Gesundheitsberichte und Kennzahlen wie Fehlzeiten oder Arbeitsunfälle. Diese Daten bieten jedoch häufig nur eine rückblickende Perspektive. KI kann hier einen Paradigmenwechsel einleiten: Durch die Analyse großer Datenmengen – etwa aus betrieblichen Gesundheitschecks, anonymisierten Krankenstanddaten oder Bewegungs- und Belastungsmustern – lassen sich Schemata erkennen, die Prognosen z.B. für Personalbedarf ermöglich.

Solche KI-gestützten Analysen ermöglichen eine frühzeitige Identifikation gesundheitlicher Risiken: z. B. erhöhte Stressniveaus in bestimmten Teams, belastungsintensive Arbeitsabläufe oder Trends zu steigenden Fehltagen in einzelnen Berufsgruppen. Unternehmen können darauf basierend präziser in die Prävention investieren, etwa durch Führungskräfteschulungen, Schichtsystemanpassungen oder gezielte Workshops zur mentalen Gesundheit.

2. Personalisierung von Präventionsmaßnahmen, auch nach §20 SGB V

Ein wesentliches Potenzial von KI liegt in der Individualisierung. Mitarbeitende unterscheiden sich schon soziodemographisch stark in ihren Belastungen, ihrem Gesundheitsverhalten und ihren Bedürfnissen. Klassische BGM-Maßnahmen erreichen jedoch oft nur einen Teil der Belegschaft bzw. funktionieren nach dem Gießkannenprinzip. KI-gestützte Systeme können helfen, personalisierte Empfehlungen bereitzustellen – etwa Trainingspläne, Hinweise zu Ernährung und Bewegung oder Stressmanagement-Impulse. Diese Hinweise sind Dank KI (z.B. über Chatbot/Avatar) 24/7 in allen relevanten Sprachen verfügbar

3. KI zur Prävention mentaler Belastungen

Psychische Gesundheit nimmt im BGM einen immer größeren Stellenwert ein. KI-Systeme können anhand anonymer Daten wie E-Mail-Nutzung, Meetingdichte oder Kommunikationsmustern Hinweise auf Überlastung oder Burn-out-Risiken erkennen – selbstverständlich nur im Rahmen datenschutzkonformer, freiwilliger Anwendungen.
Tools (z.B. NAIA) geben keine Diagnosen, sondern bieten Unternehmen und Mitarbeitenden die Möglichkeit, Frühwarnsignale zu erkennen und Maßnahmen einzuleiten, bevor gesundheitliche Probleme entstehen

4. Unterstützung ergonomischer und sicherheitsrelevanter Prozesse

In Produktionsbereichen oder im Handwerk kann KI zur Sicherung der physischen Gesundheit beitragen. Kameragestützte Systeme, Wearables oder Sensorik analysieren Bewegungsmuster und erkennen unergonomische Haltungen. Bei Bedarf geben sie direkt Feedback oder senden Hinweise an Sicherheitsbeauftragte. Auch Unfallsituationen lassen sich mithilfe von KI schneller erkennen.

5. Effizienzsteigerung im Gesundheitsmanagement

BGM-Verantwortliche verbringen zu viel Zeit mit administrativen Tätigkeiten: Planung von Maßnahmen, Auswertung von Feedbacks, Dokumentation, Kommunikation. KI kann diese Tätigkeiten erheblich erleichtern – etwa durch automatische Auswertungen, Zusammenfassungen von Gesundheitsberichten oder das Erstellen personalisierter Kommunikationskampagnen.
Chatbots unterstützen bei der Terminvergabe, informieren Mitarbeitende über neue Gesundheitsangebote oder beantworten häufig gestellte Fragen. Dadurch bleibt mehr Zeit für das Wesentliche: die Gestaltung nachhaltiger Gesundheitsstrategien.

6. Herausforderungen und Voraussetzungen

Trotz aller Chancen ist der Einsatz von KI im BGM kein Selbstläufer. Insbesondere Datenschutz, Transparenz und Vertrauen sind entscheidend. Auch besteht die Gefahr der Diskriminierung oder unerlaubten Leistungskontrolle. 

7. Ausblick

Künstliche Intelligenz eröffnet dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement neue Potentiale. Sie ermöglicht präzisere Analysen, personalisierte Prävention, bessere Unterstützung bei psychischen Belastungen und effizientere Abläufe. Gleichzeitig muss der Mensch der Mittelpunkt eines erfolgreichen BGMs bleiben.
Die Zukunft liegt in einem hybriden Gesundheitsmanagement, bei dem menschliche Expertise und digitale Intelligenz Hand in Hand gehen. Die Verhältnisprävention muss deutlich mehr als in der Vergangenheit in den Fokus genommen werden.
 

Über den Autor

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Prof. Dr. Volker Nürnberg, „der Gesundheitspapst“ lehrt u.a. an der Hochschule Allensbach und TU München und ist Head of Healthcare bei BearingPoint. Er wurde mehrfach zu den 40 wichtigsten HRlern im Dach-Raum gewählt und ist in der Ethikkommission beim Bundesgesundheitsministeriums.